Patagonien „light“ – Eine Radtour – 2. Teil

Patagonien/Argentinien – Chile 8008 sm von Stavoren
7.03. – 17.03.2019

Puerto Octay – Entre Lagos
Wir machen Camping
Anstiege von 6 % kann ich über einen längeren Zeitraum treten. Ab 8% wünsche ich mir ein paar Zähne mehr an meinem Hinterrad. Aus Puerto Octay hinaus schaffe ich die gut 8 % mit Unterstützung meines Tourguides. Bei langen Stücken kommt auch er, mich neben sich herschiebend, an seine Grenzen. Aber ich bin ganz zuversichtlich, dass Muskeln und Kondition wachsen werden und die Schieberei bald ein Ende haben wird. Immerhin überholen wir eine geführte MTB-Männer-Gruppe, die sich langsam den Anstieg hinaufarbeitet. Die 58 km nach Entre Lagos sind gut asphaltiert, mit sanften Hügeln. Inzwischen hat es angefangen zu regnen. Die MTB‘ler, einige mit flatternden Regencapes, überholen uns. Sieht lustig aus 🙂 ! Den bunten Regenschutz kenne ich nur von radelnden älteren Herrschaften, die auf Einkaufstour sind. Der Regen wird heftiger und wir warten unter Bäumen, bis der Regen etwas weniger wird. Weiter geht’s, vorbei am Lago Rupanco, wo einiges an Forellen und Lachsen herumschwimmen soll.

Es braut sich was zusammen

Ein wenig Schutz unter Bäumen

Lago Rupanco

Als wir den Campingplatz Puyehue in Entre Lagos erreichen, hat es aufgehört zu regnen und die Sonne scheint. Ideales Campingwetter 🙂 ! Der Zeltaufbau klappt schnell und unproblematisch. Unsere Packtaschen finden in dem 3-Personen-Kuppelzelt noch gut Platz. Wir können einziehen! Jeder Zeltplatz hat einen Wasseranschluss mit Waschbecken und einen überdachten Sitzplatz mit Steckdose. Die Duschen sind sehr einfach aber warm! Auf unserem Tisch hat es sich eine Katze gemütlich gemacht.

In der beginnenden Nachsaison steht außer uns nur noch ein weiteres Zelt auf dem Platz. Spaziert man durch das Tor am Ende des abgezäunten Wiesengeländes, breitet sich der Lago Puyehue, mit einer wunderschönen Aussicht auf die umliegenden Berge und den gleichnamigen Vulkan, vor einem aus. Ein Apfelbaum, dick behangen mit reifen Äpfeln, steht mitten auf dem Campingplatz zur freien Bedienung.

Lago Puyue mit gleichnamigem Vulkan im Hintergrund

Bei 6 Grad Außentemperatur, im Zelt 10 Grad, erleben wir unsere bisher kälteste Nacht auf der Radreise. Eingemummelt in Skiunterwäsche, Socken und Fleecejacke überstehen wir in unseren Schlafsäcken (Komfortzone 5° C), die erste Nacht einigermaßen. Der Bicicleta Wein hat sicherlich auch noch das Seine dazu beigetragen 😉 . Walter jammert am nächsten Morgen etwas über Probleme im oberen Rücken. Die 10 mm dicke Isomatte, im Hüftbereich mit einem 6 mm Stück etwas aufgepolstert, könnte er auch im Schulterbereich gebrauchen. Ich hab keine Probleme und gebe dem etwas empfindlichen Mann ein Stück meiner Polsterung ab 😉 .

Kommen in Uruguay vier Rindviecher auf einen Uruguayer, sind es in Chile gefühlt vier Hunde auf einen Chilenen. Problem ist, dass sie nachtaktiv sind und die ganze Nacht ununterbrochen um die Wette kläffen.

Tagsüber liegen sie dann völlig erschöpft in Vorgärten, an Häuserecken und in Rinnsteinen herum. Gut, dass ich nie ohne Ohrstöpsel reise.

 

Bei einem Spaziergang um und durch Entre Lagos sehen wir wieder den Vulkan Osorno aus Bäumen hervorspinksen. Wir begegnen einer Frauengruppe  mit hübschen farbigen Kleidern und kunstvoll gefertigten Blumenhüten, die von richtig guten Trommlern und Trommlerinnen begleitet werden. Der Vortrommler bearbeitet seine Trommel profimäßig. Die ganze Inszenierung gilt einzig und alleine uns Frauen 🙂 . Denn heute ist internationaler „Feliz Día de la Mujer“.

Entré Lagos – Parque Nacional Puyehue
Ein Haus für uns alleine
Die nächsten 45 km auf der Ruta 215 in den Parque Nacional Puyehue machen wir bei schönstem Wetter, auf einer perfekt asphaltierten Straße, mit für mich machbaren Steigungen. So langsam entwickle ich mich zur Bergziege 🙂 !

Der Osorno an Walters Helm

links Puntiagudo, rechts Osorno

Unsere nächste Unterkunft „Centro Turistico Anticura“ liegt mitten im Nationalpark Puyehue. Cabañas, kleine Hütten, liegen versteckt im Wald, eine davon beziehen wir für die kommenden zwei Nächte. Internet und Frühstück, wie eigentlich erwartet, gibt es nicht. Nachdem das Touristenzentrum mit Restaurant im vergangenen Jahr bis auf die Grundmauern abgebrannt und an anderer Stelle im Park wieder neu aufgebaut wurde, hat sich anscheinend einiges organisatorisch geändert. Die Angaben auf der Internetseite wurden nicht angepasst. Abends kann man immerhin zwischen zwei Essen wählen. Lachs mit gebratenen Kartoffelecken und Salat (Gurke + Tomate) oder Steak mit gebratenen Kartoffelecken und Salat. Gar nicht mal so schlecht! Nur Frühstück bekommen sie nicht hin. Einen Ort mit Einkaufsmöglichkeiten gibt es weit und breit nicht. Auf unserem Weg hierher haben wir aber ein Hinweisschild gesehen, auf dem Empanadas (gefüllte Teigtaschen) angeboten werden. Das werden wir uns morgen Früh mal näher ansehen.

Unsere Cabaña

Betten satt! Hinten Schlafzimmer und Bad

Restaurant
Bei Olivia

Am kommenden Vormittag radeln wir knapp 3 km auf unserer Route, die wir gekommen sind wieder zurück, bis zu dem Schild „Empanadas“ und bekommen von Olivia ein fürstliches Frühstück serviert. Brötchen (von gestern), selbstgemachte Stachelbeer-Himbeermarmelade, Rührei, kleine Krapfen und Nescafe! Ein paar Empanadas nehmen wir für später mit.

Von unserem Cabaña aus führen kleine Rundwege durch den Wald zu verschiedenen Wasserfällen und einem Aussichtspunkt auf den Vulkan Puyehue. Die wenigen Kilometer schaffen wir heute Nachmittag noch problemlos.

Am Abend bereiten wir uns auf unsere morgige Königsetappe, die Andenquerung zurück nach Argentinien, vor. Bis nach Villa la Angostura, unserem nächsten Ziel, sind es 76 km. Die ersten 25 km geht es nur bergauf. Eine gewisse Unruhe kommt in mir schon auf. Wie viele flachere Stücke es zum Luft holen gibt, kann mein Guide nicht so genau sagen. Mich unterstützend schieben ist auf keinen Fall drin. Also gibt es nur eine Möglichkeit! Gepäck umschichten! Walter erleichtert mein Rad um gut 5 kg und macht schon mal, für den Fall, dass ich schlapp mache, eine Stelle zum Zelten aus. Ist im Niemandsland zwar nicht erlaubt, haben andere aber auch schon erfolgreich praktiziert. Was sollen sie auch sagen? Wird ja wohl keiner von einer völlig Erschöpften verlangen, dass sie über die Grenze robbt 😉 .

Über den Pass Cardenal Samore nach Villa la Angostura/Argentinien
Die große Herausforderung
Frühstücken bei Olivia verlängert die Gesamtstrecke zwar um fast 6 km, aber ohne eine richtige Grundlage geht gar nichts. Wir bekommen das Gleiche wie gestern serviert. Die Brötchen sind allerdings diesmal von vorgestern. Zusätzlich zu unseren jeweils zwei gefüllten Radflaschen bringen wir noch zwei weitere Wasserflaschen in unserem Gepäck unter und machen uns auf den Weg. Die Passstraße ist nicht stark befahren. Die chilenische Grenze passieren wir bereits nach wenigen Kilometern problemlos. Autos, die auf den häufig bis zu 8 % steilen Anstiegen an uns vorbeifahren, hupen und winken immer wieder anerkennend. Das motiviert, aber mit unseren Rädern, die für eine solche Bergstrecke eine zu dicke Übersetzung haben, ist es schon verdammt anstrengend. Zum Glück kommen immer mal wieder Stücke, an denen wir anhalten, Wasser trinken und einen Riegel essen können. Wenn ein gelbes Schild am Straßenrand auftaucht, auf dem ein Lkw rückwärts eine Rampe hinunterzurutschen droht, weiß ich, dass es schlimm wird. Dann gibt es eine Extraspur für Lkws und die Steigung klettert auf 9 – 10 %. Der Gedanke absteigen und schieben zu müssen, was fürchterlich ist, lässt mich stetig und zäh die Rampen hinaufklettern. Unseren möglichen Zeltplatz im Niemandsland lassen wir links liegen. Es läuft bei mir erstaunlich gut 🙂 !  Als wir nach gut 30 km die Passhöhe auf 1321 m erreicht haben, weiß ich, dass ich es bis Villa la Angostura schaffen werde.

Chile lassen wir

hinter uns!

Jetzt geht’s erst einmal 10 km auf einer perfekt asphaltierten Straße, mit einem super Bergpanorama bergab bis zur argentinischen Grenze. Danach gibt es noch einige gemeine Gegenanstiege bis 8 %, mit denen wir nun gar nicht gerechnet haben.

Kurz vor Villa la Angostura am Nahuel-Huapi-See vorbei

Die extrem stark befahrene Ruta 40, die durch die touristische Stadt Villa la Angostura verläuft, macht mir fast mehr zu schaffen als die steilen Anstiege auf der Passstraße. Wir haben noch keine Unterkunft, da wir ja nicht wussten, ob wir es heute bis hierher schaffen würden. Die Touristeninformation, zum Glück noch geöffnet, vermittelt uns ein nettes freies Zimmer. In dem sehr gut bewerteten Restaurant „Chop Chop“ freuen wir uns bei hervorragend zubereitetem Lamm, dass wir die Andenquerung so erfolgreich geschafft haben. Auf den ersten 25 km waren immerhin 1000 Höhenmeter mit einer durchschnittlichen Steigung von 5 % zu erklimmen. Morgen ist aktive Erholung angesagt!

Auf der Halbinsel Quetrihué im Nationalpark Nahuel-Huapi wachsen bis zu 600 Jahre alte Myrtenbäume (Arrayáns), mit einer Höhe von knapp 20 m. Die Südspitze ist ein reines Arrayán-Gebiet, durch welches man auf Holzwegen geleitet wird. Wir gehen die 3 km von Villa la Angostura bis zur Bootsablegestelle am Nahuel-Huapi-See und buchen ein One-Way-Ticket bis zur Südspitze. Die 12 km zurück durch den Nationalpark laufen wir. Bis zu der Stelle am See, wo wir mit dem Boot gestartet sind, sind es noch weitere 2 km, mit denen wir nicht gerechnet haben. Wir überlegen, die Beine noch lahm von unserer gestrigen Bergetappe, ein Taxi zurück nach Villa la Angostura zu nehmen, entscheiden uns dann doch, die 3 km noch zurückzulaufen und kommen völlig platt in unserer Unterkunft an. War etwas viel für eine aktive Erholung 😉 ! Im Restaurant Rustica essen wir die genialste Pizza seit „La Grotta“ in Medemblik/NL. Zuviel um alles zu schaffen, wird es für unsere morgige Weiterfahrt ideal verpackt. Für unsere nächsten Zeltnächte erstehen wir im Supermarkt noch eine weitere Isomatte. 10 mm steht drauf, 6 mm sind drin. Besser als nichts.

Mit dem Boot

bis zur Südspitze

der Halbinsel Quetrihu

Villa la Angostura – Camping Pichi Traful im Parque Nacional Nahuel Huapi
Eine Traumtour auf der Ruta 40
Mit 5301 km ist die Ruta 40 die längste Nationalstraße Argentiniens und eine der längsten Fernstraßen der Welt. Sie durchquert den gesamten Westen Argentiniens von Süd nach Nord, Feuerland ausgenommen. Von Meereshöhe verläuft sie durch die Steppenlandschaft von Patagonien, Pampa, Weinanbaugebiete und die hohen Berge der Anden. Da wo die Ruta 231 nach Chile abzweigt und die Ruta 40 eine Rechtskurve Richtung San Martin de los Andes macht, wird es verkehrsmäßig ruhig. Bei Sonnenschein, einer eindrucksvollen Berglandschaft, auf einem für Radfahrer perfekt asphaltiertem Seitenstreifen, erleben wir einen 53 km langen Bikertraum. Nicht nur vorbeifahrende Autos hupen und grüßen wie gewohnt, auch die Motorräder machen es den Autofahrern gleich, anerkennend den Daumen in die Höhe streckend. Das kennt Walter aus der Eifel ganz anders.

Vorbei an Seen mit herrlichen Aussichtspunkten erreichen wir den Campingplatz Pichi Traful, mitten im Nationalpark Nahuel Huapi, unmittelbar am Lago Traful gelegen.

Lago Espejo an der Ruta 40

Lago Correntoso an der Ruta 40

Lago Correntoso an der Ruta 40

Camping Pichi Traful

am Lago Traful gelegen

Auf dem 2 km langen sehr steinigen Zufahrtsweg, schneidet Walter sich an einem scharfkantigen Stein seitlich den hinteren Mantel auf. Bedeutet eine aufwendige Ausbauaktion. Der Schlauch bekommt einen Flicken und in den Mantel wird auch ein Schlauchflicken geklebt. Die kommenden zwei Nächte zelten wir mitten im Paradies. Der Lago Traful eingerahmt von Bergen und Wald, hat einen weißen Strand, Schafe und einen Fluss gibt es auch.

Das Restaurant auf dem Platz bietet Pizza, Schnitzel in Brot und Hamburger in schlechter Qualität an. Mit Bier und einem Fernet Branca lässt sich alles gut hinunterspülen. Das Frühstück mit Tostas, Marmelade, Käse, Dulce de Leche und Tee ist gar nicht mal schlecht. Dulce de Leche, das Nutella Lateinamerikas, ist ein Brotaufstrich aus Milch, Zucker und Vanille. Die Creme wird auch in Plätzchen, Eis und Kuchen verarbeitet. Morgens beim Frühstück ist es schweinekalt in der Hütte. Der gusseiserne Ofen wird nur abends ab 21 Uhr befeuert. Von einem Gasboiler aufgeheiztes Duschwasser gibt es ab 18 Uhr. Wenn gegen 20 Uhr die Sonne untergeht, wird der Generator angeworfen und es wird Licht. Um 22:30 Uhr ist es wieder stockduster. Internet und Mobilfunk gibt es hier nicht. Ein Ort um die Seele baumeln zu lassen 🙂 !

Der Haushund

6 Wochen alt – eins von 5

Schnürsenkel immer interessant

Restaurant und Aufenthaltsraum

Warm angezogen fürs Frühstück

Camping Pichi Traful – Villa Traful
Dirt Road mit knackigen Anstiegen
Villa Traful, ein kleiner Ort am Lago Traful, liegt gut 700 m über dem Meeresspiegel. Wir fahren auf der Ruta 40 wieder 25 km zurück, die gleiche Strecke, die wir vor zwei Tagen gekommen sind. Die Provinzstraße 65, die zum Ort abzweigt, sind 25 km Dirt-Road mit bissigen Anstiegen. Nur der erste Kilometer ist asphaltiert, hat dafür aber eine Steigung von 13 %. Zick Zack fahren reduziert die Steigung. Mit dem Tipp meines Guides schaffe ich es ohne abzusteigen. Der wechselnde Straßenbelag, mal lose Steine, Wellblech oder weicher Sand, dazwischen immer wieder Rampen mit bis zu 10 % Steigung (hier ist bei dem Untergrund schieben angesagt), lässt keine Freude aufkommen. Der vorübergehend einsetzende Regen ist nicht schön, reduziert aber die Staubentwicklung durch vorbeifahrende Autos 😉 !

Wir sind froh, als wir im Hostel Vulcanche ankommen. Der geflickte Mantel hat bisher gehalten! Wunderschön von Bergen und Wäldern eingerahmt, liegt Villa Traful direkt am gleichnamigen See. Die mühevolle Anfahrt hat sich gelohnt. Abends lassen wir uns die mit Kürbis gefüllten Raviolis an einer Pilzsauce (Pilze aus der Region) und die leckeren Forellen, gefangen in den glasklaren Seen, schmecken.

Eine 33 km lange Dirt-Road (RP 65) führt wieder aus Villa Traful hinaus auf die RN 237 Richtung Bariloche. Unser Hostelvater meint, dass sie in einem besseren Zustand ist, als das Stück welches wir vor zwei Tagen gekommen sind. Wir sind gespannt, ob seine Einschätzung stimmt 😉 . In einem nach „Schweizer Vorbild“ aufgebautem Dorf trinken wir das bisher beste Bier, essen Gulasch mit Reis und Sauerkraut und machen zur Abwechslung mal eine Bergwanderung. Mehr dazu im 3. und letzten Teil von „Patagonien light“ – Eine Radtour.

Patagonien „light“ – Eine Radtour – 1. Teil

Patagonien/Argentinien – Chile 8008 sm von Stavoren
26.2. – 7.03.2019

Durch die argentinische Schweiz nach Chile und zurück
Raue Gletschergebiete und wilde einsame Landschaften verbinden viele mit Patagonien. Dabei hat Patagonien viele Gesichter. Im argentinischen Teil, der überwiegend zu Ostpatagonien gehört, dominieren Steppen- und Graslandschaften. In Westpatagonien, größtenteils zu Chile gehörend, finden sich Gletscherfjorde und Regenwälder. Die im Norden von Argentinien gelegene touristische Stadt Bariloche, wo unsere Reise beginnt, wird aufgrund seiner wunderschönen Berg- und Seenlandschaft als die argentinische Schweiz bezeichnet. Südlich der Magellanstraße beginnt Feuerland, was nicht mehr zu Patagonien zählt. Die Anden, die längste Gebirgskette der Erde, durchziehen ganz Patagonien und sind auf der Radreise allgegenwärtig.
Uns und unseren Rädern wollen wir nur das gemäßigtere Patagonien zumuten, die „Lightversion“. Rauf und runter wird es auf unserer Tour immer gehen. Dirt-Road-Kilometer versuchen wir möglichst gering zu halten.

Unsere vierwöchige Radtour beginnt mit dem gut zweistündigen Flug von Buenos Aires nach Bariloche. Die Cyclocrosser, ausgestattet mit mechanischen Scheibenbremsen, Continental 4000 S II Bereifung (vorne 25 mm, hinten 28mm), der kleinsten Straßenübersetzung, die bei Shimano erhältlich ist (vorne 34/46, hinten 11fach 11-32 Zähne) und Tubus Fly Classic Gepäckträgern, erreichen in der selbstgebastelten Kartonverpackung wohlbehalten ihr Ziel. Wir übernachten überwiegend in Hostels, bei schönem Wetter in unserem Kuppelzelt Coleman Darwin 3. Die erste Nacht verbringen wir im Hostel Valhalla, 4 km vom Zentrum Bariloche entfernt und sind froh, um 22 Uhr in der Cervecería (Brauereischänke) Manush, direkt um die Ecke, noch gutes Essen und ein leckeres Bier zu bekommen.

Am nächsten Tag verbringen wir einige Zeit damit, die Räder zusammenzubauen, Gepäck zu verstauen und alles sicher auf den Gepäckträgern zu befestigen. Die Radverpackung und Reisetaschen können wir für die kommenden 4 Wochen im Hostel deponieren.

Bariloche – Villa Campanari
Kleine Einrolltour
Die erste Tour wird eine Einrolltour zu dem 27 km entfernten Hotel Panamericano. Mit einer durchschnittlichen Steigung von 4 % wird es für meine noch recht schlappe Kondition nicht ganz locker. An Fahren mit Gepäck (ich 15 kg; Walter 20 Kg) muss nicht nur ich mich erst gewöhnen. Das Hotel liegt 3 km vom Puerto Pañoelo entfernt, von wo aus es morgen mit 3 Fähren über 3 Seen und die Anden nach Chile geht. Nach dem Einchecken fahren wir mit den Rädern zum Hafen hinunter, in der Hoffnung die Fährtickets zu bekommen. Fehlanzeige! Die Tickets gibt es nur in Bariloche. Wir haben Glück und erreichen mit einem Bus, der direkt vor dem Hotel abfährt, noch rechtzeitig die Verkaufsstelle und Tickets gibt es auch noch für uns.

Villa Campanari – Puerto Pañoelo – Puerto Blest – Puerto Frias – Peulla – Petrohuí
Über drei Seen nach Chile

Fähr- und Radstrecke gekennzeichnet

Nachdem wir am kommenden Morgen die Gebühr für den Nationalpark gezahlt haben und unser mühsam befestigtes Gepäck wieder von den Rädern nehmen müssen, können wir auf die Fähre. Wir fahren von Puerto Pañoelo nach Puerto Blest. Unser Gepäck und die Pauschaltouristen werden im Reisebus transportiert und wir radeln die 3 km bis zur nächsten Fähre. Über den Lago Frias geht es nach Puerto Frias, wo wir aus Argentinien ausklarieren müssen. Alles geht schnell und unproblematisch.

In Puerto Frias wird unser Gepäck erfreulicherweise in Transportcontainer gepackt und mit einem Lkw nach Chile gebracht. Mit dem Service haben wir gar nicht gerechnet. Die 37 km bis zur dritten und letzten Fähre sind eine Dirt Road, die nach unseren Recherchen gut befahrbar sein soll. Da scheint sich einiges geändert zu haben. Bis zum Erreichen des höchsten Punktes auf ca. 1000 m ist der Weg noch einigermaßen fahrbar.
Dann geht es gut 800 Höhenmeter nur bergab und wir müssen uns mit unseren nicht für diese Straßenverhältnisse ausgelegten Räder über einen unwegsamen Belag, tiefer Sand mit dicken Kieselsteinen, quälen. Das Gefälle beträgt auf den ersten 6 km satte 9 %. Die Vorderräder graben sich immer wieder in den nachgiebigen Untergrund ein, die Hände schmerzen aufgrund der dauerhaften Betätigung der Bremsen und der ganze Körper wird ununterbrochen durchgeschüttelt. Nachdem ich mich dreimal auf die Klappe gelegt habe (Walter hat am Ende gleichgezogen 😉 ), setzt bei mir aufgrund der ununterbrochenen Konzentration langsam aber sicher eine psychische Erschöpfung ein. Wir sind froh, als wir die chilenische Zollstation erreicht haben und unser Gepäck vor der Türe liegen sehen.

Die Mitarbeiter von Zoll und Immigration zeigen nicht die größte Eile. Als unser Gepäck auch noch auf Lebensmittel hin untersucht werden soll, schwindet die Hoffnung, die in 20 Minuten abfahrende Fähre noch rechtzeitig zu erreichen. Anscheinend hat man doch Erbarmen mit uns und kürzt das Procedere etwas ab. Walter hat Mühe das Gepäck auf seinem Rad in der Kürze der Zeit richtig festzuzurren und kämpft auf dem katastrophalen Wegstück zur Fähre mit vom Rad fallenden Gepäckstücken. Als jemand uns auf Englisch hinterherruft, wir sollen uns nicht sorgen, die Fähre würde auf uns warten, kommt so etwas wie eine leichte Entspannung auf. Mit nur 10 Minuten Verspätung legt die Fähre mit uns und unseren Rädern nach Petrohuí ab.

Für die 37 km Dirt Road haben wir fast 4 Stunden gebraucht. Mit Gepäck auf den Rädern hätten wir die Strecke überwiegend nur schiebend geschafft. Bei einer Tafel Schokolade, für jeden von uns! und einem Becher Kaffee schaffen wir es dann sogar die eindrucksvolle Landschaft zu genießen.

 

Damit müssen wir uns die nächsten Stunden herumquälen und es wird noch schlimmer 🙁 !

 

 

 

 

 

 

 

Höchsten Punkt erreicht – 1000 m

Zum Glück ohne Gepäck unterwegs 🙂

Der Osorno überall präsent 🙂

Angekommen in Petrohuí ist es nicht so einfach eine passende Unterkunft zu finden. 300 US $ sind wir nicht bereit für eine Nacht im einzigen Hotel des Ortes zu zahlen. Ein Junge mit einer Handfunke vermittelt uns eine Pension auf der anderen Seite des Flusses, nicht ganz preiswert, aber an die hohen Preise in Chile werden wir uns gewöhnen müssen. Wir werden samt unserer Räder mit Gepäck auf einen Kahn verladen und über den Fluss gesetzt. In der einfachen Unterkunft haben wir ein Zimmer, immerhin mit eigenem Bad und Blick auf den 2652 m hohen Vulkan Osorno, wenn er sich nicht gerade in Wolken hüllt. Gebratener Lachs mit Beilagen und ein Bierchen mildern die Qualen unserer zweiten Tour. Wir fühlen uns wohl im Hospedaje der Familia Kuschel. Hier haben, wie in vielen anderen Familien in dieser Gegend Chiles, deutsche Vorfahren mitgemischt. Gesamtstrecke: 101 km, davon 37 km mit dem Rad, mit einer Steigung von durchschnittlich 5%, 324 m bergauf und gut 800 m, unter schwersten Bedingungen, bergab.

Alles hinein in den Kahn

Hospedaje Kuschel

Fensterblick auf den Osorno

Petrohuí – Puerto Varas
Deutsches Chile
Nach dem Frühstück geht’s wieder zurück über den Fluss. Laut einer Blogbeschreibung müssen wir erst einmal entlang einer 6 km langen, gut zu befahrenden Lavastraße. Inzwischen sind es nur noch 2 km Lavastraße. Die restlichen 4 km sind mit Sand und Kieselsteinen aufgeschüttet und vorbereitet für eine zukünftige Asphaltierung. Fürchterlich! Walter hat hier seinen ersten Platten.

Die restlichen 57 km, bis zu der kleinen touristischen Stadt Puerto Varas, sind schönes Fahren auf einer asphaltierten Straße mit abgetrenntem Radstreifen. Davon allerdings 25 km im Regen. Wir fahren an ausgebüxten Schafen vorbei und ärgern uns über das auf dem Radweg querstehende Auto mit einer jungen Frau am Steuer und Handy am Ohr. Sie biegt wieder ab auf die Straße und fährt gestikulierend neben uns her, um sich nach einigen Kilometern wieder quer vor uns zu stellen. Dann sehen wir erst den Hund, der anscheinend schon seit mehreren Kilometern unbemerkt hinter uns herläuft.

Die kommenden zwei Nächte verbringen wir im Hostel Compass del Sur in Puerto Varas, mit einer deutsch und englisch sprechenden Besitzerin. Der Ort liegt am Südufer des Lago Llanquihue-Sees. Wir haben etwas Pech mit dem Wetter. Die ansonsten schöne Sicht auf den Vulkan Osorno bleibt für uns hinter Wolken verborgen. In der Stadt ist deutsch an vielen Ecken allgegenwärtig. Es gibt eine deutsche Schule, einen deutschen Club mit Restaurant (wir gehen nicht hinein) und Bäckereien die Vollkornbrot anbieten.

Puerto Varas – Puerto Montt
Ein wenig Pazifik schnuppern
Puerto Montt ist nur 25 km von Puerto Varas entfernt. Den Ort, an dem wir, wenn alles wie geplant läuft 😉 , im März 2020 mit der Aloma sein werden, wollen wir uns auf jeden Fall anschauen. Wenn wir es bis hierher schaffen sollten, hätten wir den schwierigsten Teil unserer Segelstrecke durch den Beaglekanal und die Magellanstraße geschafft. Vielleicht haben wir Glück und Segler aus der Whatsapp-Gruppe „South America Sailing Team 2018“ sind inzwischen in Puerto Montt angekommen.
Die Straße nach Puerto Montt ist verkehrsreich und eine Hundeattacke hätte auch anders ausgehen können. Gleich drei, nicht gerade kleine Hunde, rücken uns kläffend verdammt nah auf die Pelle. Sie lassen sich nur schwer abwimmeln. Anhalten ist auch nicht die Lösung, da sie sobald man sich in Bewegung setzt wieder hinter einem herrennen. Versucht man schnell zu entkommen, werden sie noch wilder. Langsam weiterfahren und hoffen, dass sie einen nicht zu Sturz bringen oder sich in der Wade festbeißen, ist die beste Strategie. Froh zu sehen, dass sie umkehren, muss ich erst einmal wieder meine erhöhte Atemfrequenz unter Kontrolle bekommen.
Die Straßen in Puerto Montt zu unserem Hostel Casa Perla sind mit einer Steigung bis zu 13 % für mich zu steil, um sie fahrend zu bewältigen. In der Unterkunft, mit einer netten älteren englisch sprechenden Hostelmutter und einem deutschen Schwiegersohn, bleiben wir zwei Tage.

Hostel Casa Perla

Blick aus unserem Zimmer

Puerto Montt ist eine Stadt ohne besonderen Reiz. Ein wenig touristischer und aufgeräumter wird es im Hafengebiet Angelmo, wo Kunsthandwerk, Strickwaren und anderer Krimskrams in Holzhäusern angeboten werden. Restaurants gibt es hier auch jede Menge.

Monumento „Sentados Frente Al Mar“ – Wahrzeichen von Puerto Montt

Vor dem Gelände der chilenischen Armada kommt ein uniformierter Marineangehöriger freundlich grüßend auf uns zu und bietet uns an ein Selfie mit ihm zu schießen. Luis wird überwiegend auf Leuchttürmen eingesetzt und hat 4 Monate auf der unbewohnten Diego-Ramirez-Insel Gonzalo (56,5° südliche Breite), südwestlich von Kap Hoorn gelegen, verbracht. Hier hat die chilenische Armee 1951 eine Wetterstation errichtet und ein Leuchtfeuer gibt es auch. Verdammt einsam, dort am Ende der Welt!

In der vom Zentrum ca. 2 km entfernten Marina trinken wir zur Abwechslung mal einen sehr guten Kaffee aus einem professionellen Kaffeeautomaten. Ansonsten gibt es in Chile fast ausschließlich nur Nescafé oder Tee. Segler aus unserer Whatsapp-Gruppe sind leider noch nicht eingetroffen.

Puerto Montt – Puerto Octay
Wir fahren, fahren, fahren auf der Autobahn
Sollen wir bei regnerischem Wetter und keiner Sicht auf schöne Landschaft und Vulkane die 82 km bis Puerto Octay über die V225 fahren? Wirkliche Lust darauf haben wir nicht. Alternative ist die schnellere und 15 km kürzere Strecke über die autobahnähnliche Routa 5. Früher war es für Fahrräder möglich auf dem Standstreifen der Autobahn zu fahren. Laut einem Blogbeitrag ist es heute nicht mehr zulässig. Sicher kann es uns aber keiner sagen. Wir entscheiden uns für die Autobahn.

Immer auf dem Standstreifen entlang

auch mit schönen Aussichten (Alpakas)

Ich komme mir vor wie auf der A1 in Köln. Stark befahren, laut und viele LkWs nerven. Aber wir sind flott unterwegs. Wir befürchten schon von einem Kontrollposten an einer Ausfahrt gestoppt zu werden. Er grüßt aber nur freundlich und weiter geht’s. In Deutschland hätte es schon längst Warnmeldungen auf allen Radiosendern gegeben: „Auf der A1 sind offenbar orientierungslose Radfahrer, mit schwer bepackten Rädern, auf dem Standstreifen unterwegs. Wer die, unter Umständen alkoholisierten Radler sichtet, wird gebeten dies umgehend der Polizei zu melden.“ 🙂

Nach 40 km sind wir froh in Alto Frutilla die Autobahn verlassen zu können. In einem Café lässt ein Kaffeeautomat Hoffnung auf guten Kaffee aufkommen. Die Maschine scheint aber nur Dekoration zu sein. Als Café con Leche bekommen wir einen Becher mit heißer Milch und Nescafé zum Einrühren serviert.

Der kleine Ort Puerto Octay, unser heutiges Ziel, liegt am Nordufer des Lago LLanquihue. Er soll laut Beschreibung stark deutsch geprägt sein. Außer deutschen Gebäuden aus 1910 ist hier nichts wirklich deutsch. Was macht man bei schlechtem Wetter? Genau, man geht ins Museum. Der 80 jährige Fritz aus Bayern, den wir vor dem Museum „El Colono“ treffen, ist der gleichen Meinung. Gemeinsam schauen wir uns die kleine Ausstellung an, die von der Lokalgeschichte Puerto Octays erzählt. Es gibt kaum ein Land, was Fritz noch nicht bereist hat. Mit zwei Koffern ist er zurzeit für einige Monate in Südamerika unterwegs. Nicht als Pauschaltourist. Er organisiert die ganze Reise alleine. Bewundernswert!

Unsere Unterkunft

Biotop im Ort

Museum „El Colono“

altansässiges Hotel

Gemeinsam mit Fritz

eine steile Straße hinauf

zum Friedhof

mit etwas trüber Aussicht

Wieder einmal haben wir eine unerfreuliche Hundebegegnung. Diesmal auf einem Spaziergang entlang des Seeufers. Ein junger Hund, mit verdrecksten Pfoten, hat nichts Besseres zu tun als hinter Walter herzulaufen und unentwegt an ihm hochzuspringen. Er lässt nicht von ihm ab und saut die gute Outdoorjacke von oben bis unten so richtig ein. Zum Glück geht das ganze Spielchen ohne Beschädigungen ab. Trotzdem ärgerlich!

Impressionen von unserem kleinen Spaziergang am See:

Auf dem Campingplatz Puyehue in Entre Lagos werden wir nach 25 Jahren erstmalig wieder unsere Eignung fürs Zelten überprüfen 😉 . Über den Pass Cardenal Samore, zurück nach Argentinien, wird die schwierigste Etappe unserer Radreise. Wir stellen uns schon auf zelten im Niemandsland ein. Mehr dazu im 2. Teil von „Patagonien light“ – Eine Radtour.