Patagonien „light“ – Eine Radtour – 3. Teil

Patagonien/Argentinien – Chile 8008 sm von Stavoren
17.03. – 27.03.2019

Villa Traful – Dina Huapi
Dirt Road mit fantastischer Aussicht
Unser Hostelvater von „Vulcance“ hat recht mit seiner Einschätzung. Die RP 65, die aus Villa Traful hinaus in Richtung Bariloche führt, ist zwar keine gute Dirt Road, aber in einem deutlich besseren Zustand, als das Stück, auf dem wir uns vor zwei Tagen nach Villa Traful hingequält haben. Es geht allerdings direkt los mit knackigen Anstiegen, die meisten für uns aber gut fahrbar. Wir kommen nur langsam vorwärts, beeindruckt von der fantastischen Aussicht auf die Andenkette, dem Blick hinunter in ein wunderschönes Flussbett, den gigantischen Felsformationen und der weiten Steppenlandschaft. Nach 33 km und gut 3 Stunden sind wir froh endlich die asphaltierte Ruta 237 erreicht zu haben. Die Anstrengung hat sich wieder einmal gelohnt.

Nicht die beste Dirt Road, aber fahrbar

Auf der Ruta 237 gibt es für Radfahrer keinen abgeteilten Randstreifen. Die vielen vorbeifahrenden Autos und Lkws, nicht immer ausreichend Abstand haltend, nerven. Das Jahresfest in dem kleinen Ort Villa Llanguin, rettet uns bei Kilometer 55. Das Dorf mit den etwas mehr als 100 Einwohnern ist nur über eine schmale Brücke, die über den Fluss Limay führt, erreichbar. Autos müssen sich am Fluss anstellen und warten, bis sie in mühevoller Handarbeit von der Fähre „Balma Marona“ auf die andere Uferseite gekurbelt werden. Auf der Fähre finden nur zwei Autos gleichzeitig Platz. Für die vielen Besucher, die aus den umliegenden Ortschaften mit dem Auto zu dem heutigen Jahresfest angereist sind, bedeutet es geduldig warten. An einer Bude gibt es gebratene Hähnchenbrust mit Brot auf Salatblatt und dazu einen Himbeershake.

Hier wird fleißig gekurbel

Gestärkt machen wir uns auf die letzten 32 Kilometer bis Dina Huapi. Gegen den Wind, der uns die letzten 20 km heftig auf die Nase bläst, kommen wir nur mühevoll vorwärts. Ich versuche mich in den Windschatten meines Guides zu klemmen, verliere aber immer wieder, wenn’s bergauf geht, den Anschluss und Walter muss auf mich warten. Nach insgesamt 6,5 Stunden erreichen wir leicht zermürbt Dina Huapi. In dem Ort gibt es keine gepflasterten Straßen, alles nur staubige Dirt Roads. Im Casa Lego, an dem noch einige Legosteine fehlen, haben wir ein kleines Appartement gebucht.
Dina Huapi wurde von dänischen Einwanderern besiedelt. Dina leitet sich von Dinamarca, dem spanischen Namen für Dänemark ab. Der Großvater der Casa Lego Besitzerin stammt aus Dänemark und ihr Mann zeigt Schülern anhand von Legotechnik wie Roboter funktionieren. Da ist der Bau eines Legohauses naheliegend 🙂 .  Außer der Nähe zum Lago Nahuel Huapi hat der Ort nicht viel zu bieten.

Lago Nahuel Huapi in Sicht

Casa Lego

noch nicht ganz fertig

Lago Nahuel Huapi

Staubige Dirt Roads in Dina Huapi

Dina Huapi – Colonia Suiza
Touristenrummel auf schweizerisch und eine Wanderung
Das Schweizer Dorf Colonia Suiza wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Schweizer Familien aus dem Wallis gegründet. Die Nachkommen dieser Pioniere versuchen nun, die Familientraditionen zu bewahren, ergänzt durch Aktivitäten im Tourismusgeschäft. Das werden wir uns mal anschauen.

Schnelle verkehrsreiche 40 Kilometer bringen uns über die Ruta 40, RP 237 und RP 77 bis zu dem Dorf. Kurz vor Erreichen des kunstvoll gefertigten Ortsschildes geht’s nochmal 10 % bergauf. Geschenkt wird einem nichts. Der Campinplatz „Ser“ ist, wie soll es auch anders sein, nur über eine sehr holprige Dirt Road erreichbar. Dummerweise habe ich vergessen meine Lenkertasche zu sichern. Sie springt vom Lenker und der Inhalt verteilt sich auf der staubigen Straße.
Auf dem graslosen Untergrund des Zeltplatzes, unter dichten hohen Bäumen, die keinen Sonnenstrahl hindurch lassen, haben wir keine Lust zu campieren. Wir haben Glück und können eine der zahlreichen kleinen Cabañas, ausgestattet mit drei Etagenbetten, beziehen. Uns wird von einem jungen Mann für eine Nacht die Hütte Nr. 8 zugewiesen. Morgen kommen mehrere Schulklassen und es ist nicht sicher, ob es für eine weitere Nacht Platz für uns gibt. Wir haben gerade angefangen unsere Sachen auszupacken, als Ana, die hier das Sagen hat, uns bittet in Nr. 9 umzuziehen. Kein Problem, ist ja nicht weit.

Jetzt ist erstmal Dorfbesichtigung angesagt und etwas Essbares könnten wir auch vertragen. Mal sehen, was die Schweizer so zu bieten haben 🙂 ! Das Dorf besteht aus Holzhäusern, in denen Kunsthandwerk angeboten wird, dazwischen Restaurants, die meisten davon haben nur mittags geöffnet. Aneinandergereihte Bretterbuden, bieten neben Käse, Marmelade und Gebäck auch deftiges Essen und sehr gutes Bier an. Die Holztischreihen mit  Bänken sind leer. Es ist später Nachmittag und die abreisenden Touristen haben wir, in einer langen Schlange anstehend, an der Bushaltestelle gesehen. An der Bude „Schmäckt gut“ bekommen wir noch Gulasch mit Reis und Sauerkraut. Kennen wir in dieser Kombination noch nicht, schmeckt aber erstaunlich gut. Dazu trinken wir ein fruchtiges IPA-Bier, Happy Hour, uns geht es gut 🙂 ! Eine Putzkolonne von Weißhalsibissen rückt an und räumt die auf dem Boden liegenden Essensreste weg.

Erika und Nicolas, ein junges Paar aus der Schweiz, sind seit Monaten mit einem als Camper ausgestatteten Landrover unterwegs, den sie von Europa nach Halifax/Kanada per Decksfracht haben transportieren lassen. Auch eine Möglichkeit zu reisen. Die beiden sind nicht unbedingt der Meinung, dass der Erhalt der Schweizer Tradition gelungen ist. Das finden wir nun gar nicht! In uns werden zwischen all den Buden schon Erinnerungen an unsere zahlreichen Skiurlaube in der Schweiz wach 😉 !

Am kommenden Morgen überlegt es sich Ana dann noch einige Male anders mit den Cabañas. Um es kurz zu machen. Wir ziehen um nach 11, dann nach 13 und später wieder zurück nach 11, wo wir unsere zweite Nacht verbringen 🙂 !

Cabaña Nr. 11

Kein Streit wer oben oder unten schlafen darf

Hostelküche

Der Umzugsmarathon hat uns etwas Zeit gekostet und wir müssen uns beeilen, um noch rechtzeitig zu unserer Wanderung zum Refugio Lopez loszukommen. Die Schutzhütte befindet sich auf 1620 m. Ob wir von dort aus noch weiter auf den Pico Turista (2050 m) gehen, entscheiden wir wenn wir am Refugio sind. Es soll sich im Laufe des Tages zuziehen und anfangen zu regnen. Die beiden Schweizer haben es geschafft deutlich früher zu starten. Auf den Bus warten wir nicht und laufen die knapp 2 km bis zur Einstiegsstelle in den Wanderweg, der inzwischen ein Privatweg geworden und für die Öffentlichkeit gesperrt ist. Wir müssen noch weitere 2 km gehen, um auf den offiziellen Weg zu kommen. Dem roten Punkt folgend geht es dann über Fels und Schotter steil bergauf, immer wieder mit schönen Ausblicken auf den Nahuel Huapi See.

Das rosa angepinselte Refugio Lopez leuchtet uns schon bald unterhalb des Gipfels entgegen. Wir treffen auf ein Schweizer Ehepaar und laufen mit ihnen die letzten Meter bis zur Hütte gemeinsam. Die beiden sind für 8 Wochen mit einem Mietwagen unterwegs. Im Refugio trinken wir einen heißen Tee und wundern uns, dass Erika und Nicolas, obwohl deutlich früher als wir gestartet, erst jetzt ankommen. Sie sind den Privatweg hineingelaufen, der ihnen aber zu langweilig war und dann auf einen abzweigenden Seitenweg abgebogen. Dieser führte über den Bergkamm, ohne einen Verbindungsweg zum Refugio. Also sind sie den steilen Berghang zwischen Bäumen mehr hinuntergerutscht als gelaufen. So sind die bergerprobten Schweizer 😉 !

Inzwischen hat es angefangen zu regnen. Den Pico Turista sparen wir uns. Zurück laufen wir mit  Erika und Nicolas den längeren aber bequemeren Privatweg zurück zum Campingplatz. Insgesamt sind wir 22 km mit 900 Höhenmetern in 5 Stunden gelaufen. Die Fressbuden sind alle geschlossen und wir finden noch ein offenes Restaurant mit mittelmäßigem Essen.​

Das rosa Refugio leuchtet vom Bergkamm

Angekommen im rosa Haus

Morgen sind es bis zum Hotel Panamericano, in dem wir für drei Tage ein Zimmer gebucht haben, nur 17 km. Hier waren wir schon zu Beginn unserer Radtour. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist unschlagbar gut und es liegt abseits vom Rummel in Bariloche. Die restlichen Tage bis zu unserem Rückflug nach Buenos Aires lassen wir ganz entspannt ausklingen.

Colonia Suiza – Villa Campanario (Hotel Panamericano)
Die „Circuito Chico“ ohne Gepäck
Wellig, immer wieder Anstiege bis 10% und ein böiger heftiger Seitenwind, lassen bei mir auf der kurzen Strecke bis Villa Campanario keine wirkliche Entspannung aufkommen.
Am nächsten Tag wollen wir uns das Hotel Llao Llao, welches auf einer Halbinsel im Lago Moreno liegt und bei dessen Bau im Jahre 1936 mehr als 5000 Bäume dran glauben mussten, mal näher anschauen. Im Januar 1939 offiziell eingeweiht, brannte es nur 9 Monate später bis auf die Grundmauern ab. Es wurde in rekordverdächtiger Zeit wieder aufgebaut und öffnete schon im Dezember 1940 wieder seine Türen. Ab 1979 blieb das Hotel für mehr als ein Jahrzehnt geschlossen und ist seit 1991 privatisiert. Nichts für kleine Geldbeutel.

Hotel Llao Llao vor dem Cerro Catedral, eines der größten Skigebiete Südamerikas

Hotel mit schöner Aussicht

und einen

18-Loch-Golfplatz

gibt es natürlich auch

Wir laufen die kleine Halbinsel ab, auf der sich eine Villa an die andere reiht. Keine Stelle lässt einen Zugang mit Blick auf den Lago Moreno zu. Hier möchte man unter sich bleiben. Wieder zurück auf der Hauptstraße starten wir zu zwei kleinen Rundwanderwegen, die beide durch Waldgebiete führen. Vorbei an einer Ansammlung von Myrtenbäumen und an Aussichtspunkten mit Blick auf den Lago Nahuel Huapi wechseln wir in das andere Waldgebiet. Baumriesen, die bei dem bis zu 5 Bft blasenden Wind dumpfe ächzende Lieder singen, wenn sich ihre dicht beieinander stehenden Baumwipfel berühren, flößen mir ein wenig Unbehagen ein. Einige Bäume haben eine nicht unbedingt vertrauenerweckende Schieflage. Der  Weg, den wir gehen wollen, ist wegen Starkwind gesperrt und wir müssen auf eine steile Umleitung ausweichen.

Auf der Hauptstraße angekommen, schaffen wir es im Walkingschritt noch so gerade vor Schließung zur „Confiteria El Tronador“, die 2 km von unserem Hotel entfernt ist, und lassen uns die leckeren Spinat-Ravioli mit Sauce Bolognese und das Patagonia-Amber-Bier schmecken. Es sind wieder gut 20 km geworden. Drunter machen wir es nicht 😉 .

Lago Nahuel Huapi und die Anden

Kleine Ansammlung

von Myrtenbäumen

Bedrohliche Schräglage

und ächzende Geräusche

Die „Circuito Chico“ ist ein 25 km langer Radrundweg, der an Seen, eindrucksvollen Bergpanoramen  und Wäldern entlangführt. Einen Teil der Strecke sind wir schon gefahren, als wir vorgestern von Colonia Suiza gekommen sind. An das Fahren ohne Gepäck muss man sich erst wieder gewöhnen. Im Wiegetritt die Berge hoch, was mit einem bepackten Rad nicht wirklich möglich ist, macht die „Circuito Chico“ zu einer schnellen Runde. In der „Confiteria El Tronador“ essen wir zum Abschluss einen leckeren Apfelcrumble  mit Sahne.

Circuito Chico

Ein Caracara

Hopfen aus dem

das leckere Patagonia Bier gebraut wird


Zurück zum Hostel Valhalla/Bariloche
Auf zur letzten Etappe
Auf den 20
km bis zu unserem Hostel quälen wir uns an dem dichten Verkehr vorbei, der auf allen Zufahrtsstraßen nach Bariloche nervt. Völlig unvorbereitet lässt ein Hund, der auf der Ladefläche eines verdammt nah vorbeifahrenden Pickups transportiert wird, mich fasst vor Schreck vom Rad fallen, als er mich beim Überholen wild von hinten ankläfft. In einer Ferreteria, das sind kleine Läden, die Baumarktartikel über die Theke verkaufen, holen wir uns vorsichtshalber noch zwei Rollen starkes Gewebeklebeband für die Kartonverpackung unserer Fahrräder. Hunde, die hier überall herumlaufen, queren ständig die stark befahrene Straße. Dank der erstaunlich rücksichtsvollen Autofahrer schaffen sie es anscheinend meist unversehrt, auf die andere Straßenseite zu kommen.
Wir sind froh, als wir endlich zum Hostel Valhalla abbiegen können. Noch glücklicher sind wir, als wir unsere Radverpackungen und die Reisetaschen unverändert vorfinden. Die Räder verpacken wir morgen. Am heutigen Abend widmen wir uns ganz der Bierverkostung in der nahe gelegenen Cerveceria.

Ein Taxi zum Flughafen Bariloche ist schnell organisiert. Vom Flughafen Buenos Aires zum Segelclub Barlovento gestaltet sich die Taxibeschaffung für zwei Fahrräder ein wenig komplizierter. Mit Unterstützung eines Hostelmitarbeiters finden wir dann endlich ein Taxi, welches uns um 23 Uhr zu einem annehmbaren Preis in B.A. abholt. Wir schicken dem Fahrer noch einen Screenshot unserer Flugdaten und hoffen, dass alles klappt. Angekommen in Buenos Aires werden wir schon erwartet. Die Räder bekommen wir nur mit Mühe in das etwas zu kleine Taxi und wundern uns, dass das Taxameter bereits 900 ARS anzeigt. Überhaupt etwas anzeigt und dann auch noch mehr als wir vereinbart haben. Während der Fahrt zum Segelclub zählt das Teil weiter fleißig nach oben. Walter versucht dem Fahrer mit seinen rudimentären Spanischkenntnissen verständlich zu machen, dass da wohl was nicht stimmt. Ist nicht ganz einfach mit der Verständigung. Angekommen im Segelclub ist der Preis inzwischen auf das Doppelte angestiegen. Wie sich dann herausstellt, hat der Taxifahrer seit 21 Uhr, der Abflugzeit in Bariloche, am Flughafen gestanden. Nicht unsere Schuld. Wir zahlen ihm 1000 ARS und nicht mehr. Fluchend und wild gestikulierend fährt er schließlich davon. Mit der Gauchita, dem Taxiboot, werden unser Gepäck und wir auf die Aloma gebracht und das Bordleben beginnt wieder.

Fazit
Walter hat eine super Tour ausgearbeitet 🙂 ! Alles hat gepasst und war auf meine Kondition und Fähigkeiten auf dem Rad abgestimmt.

700 km in 4 Wochen sind nicht viel, aber wir haben immerhin 8500 Höhenmeter bewältigt. Gut 120 km Dirt Road waren anstrengend und haben die Strecke nicht schneller gemacht.

Als wir unterwegs waren, war es Sommer auf der Südhalbkugel. Auf unseren 15 Radetappen betrug die Durchschnittstemperatur 15 Grad im Schatten. Die Nachttemperaturen waren häufig einstellig. Auf der Ostseite der Anden, also in Argentinien, hat  es deutlich weniger geregnet.

Wir sind uns einig, dass es nicht unsere letzte Radtour in dieser Form war! Um mit Gepäck besser die Berganstiege zu schaffen, werden die Räder aufgerüstet. Es wird eine MTB-Kassette, Shimano XT 11-Fach 11-40 Zähne montiert und auf Reifen Conti Grand Prix 4 Season in 32 mm gewechselt. Die haben einen besseren Pannenschutz. Um die Kassette schalten zu können, montieren wir von Wolftooth den RoadLink Adapter. Dann sollten auch 15 % Steigungen möglich sein 😉 !

An Materialverschleiß hatten wir einen Riss im Mantel und zwei kaputte Schläuche. Alles an Walters Rad. Er hatte aber auch einige Kilo mehr Gepäck zu transportieren und wiegt etwas mehr als ich 😉 . Das wir nicht noch mehr Plattfüße hatten, liegt daran, dass wir die Dirt Roads sehr materialschonend gefahren sind.

Das Zelten hat uns nach 25 Jahren wieder erstaunlich viel Spaß gemacht. Nachdem wir uns noch eine zusätzliche Isomatte im Supermarkt gekauft haben, ging es mit dem Liegen ganz gut. Wir denken trotzdem über komfortablere Thermarestmatten nach. Sie sind zwar schwerer aber deutlich kleiner zu verpacken.

Abschließend noch etwas zu den Hundebegegnungen in Chile und Argentinien. Außer den drei angriffslustigen Hunden auf dem Weg nach Puerto Montt, hatten wir keine weiteren ähnlichen Erlebnisse. Das nächtliche Gekläffe, insbesondere als wir in Entre Lagos gezeltet haben, hat genervt. Die in großer Anzahl frei herumlaufenden Hunde, nicht alles wilde, haben kein Interesse an uns gezeigt. Sie erschienen uns alle sehr sozialverträglich. Nicht nur Menschen, sondern auch anderen Tieren gegenüber. Das Hunde mit Katzen kuscheln haben wir vorher noch nicht gesehen. Vorsicht ist nur geboten, wenn sie plötzlich die Straßenseite wechseln und einem unter Umständen ins Rad laufen. Nach rechts und links schauen sie nämlich nicht.

 

Patagonien „light“ – Eine Radtour – 2. Teil

Patagonien/Argentinien – Chile 8008 sm von Stavoren
7.03. – 17.03.2019

Puerto Octay – Entre Lagos
Wir machen Camping
Anstiege von 6 % kann ich über einen längeren Zeitraum treten. Ab 8% wünsche ich mir ein paar Zähne mehr an meinem Hinterrad. Aus Puerto Octay hinaus schaffe ich die gut 8 % mit Unterstützung meines Tourguides. Bei langen Stücken kommt auch er, mich neben sich herschiebend, an seine Grenzen. Aber ich bin ganz zuversichtlich, dass Muskeln und Kondition wachsen werden und die Schieberei bald ein Ende haben wird. Immerhin überholen wir eine geführte MTB-Männer-Gruppe, die sich langsam den Anstieg hinaufarbeitet. Die 58 km nach Entre Lagos sind gut asphaltiert, mit sanften Hügeln. Inzwischen hat es angefangen zu regnen. Die MTB‘ler, einige mit flatternden Regencapes, überholen uns. Sieht lustig aus 🙂 ! Den bunten Regenschutz kenne ich nur von radelnden älteren Herrschaften, die auf Einkaufstour sind. Der Regen wird heftiger und wir warten unter Bäumen, bis der Regen etwas weniger wird. Weiter geht’s, vorbei am Lago Rupanco, wo einiges an Forellen und Lachsen herumschwimmen soll.

Es braut sich was zusammen

Ein wenig Schutz unter Bäumen

Lago Rupanco

Als wir den Campingplatz Puyehue in Entre Lagos erreichen, hat es aufgehört zu regnen und die Sonne scheint. Ideales Campingwetter 🙂 ! Der Zeltaufbau klappt schnell und unproblematisch. Unsere Packtaschen finden in dem 3-Personen-Kuppelzelt noch gut Platz. Wir können einziehen! Jeder Zeltplatz hat einen Wasseranschluss mit Waschbecken und einen überdachten Sitzplatz mit Steckdose. Die Duschen sind sehr einfach aber warm! Auf unserem Tisch hat es sich eine Katze gemütlich gemacht.

In der beginnenden Nachsaison steht außer uns nur noch ein weiteres Zelt auf dem Platz. Spaziert man durch das Tor am Ende des abgezäunten Wiesengeländes, breitet sich der Lago Puyehue, mit einer wunderschönen Aussicht auf die umliegenden Berge und den gleichnamigen Vulkan, vor einem aus. Ein Apfelbaum, dick behangen mit reifen Äpfeln, steht mitten auf dem Campingplatz zur freien Bedienung.

Lago Puyue mit gleichnamigem Vulkan im Hintergrund

Bei 6 Grad Außentemperatur, im Zelt 10 Grad, erleben wir unsere bisher kälteste Nacht auf der Radreise. Eingemummelt in Skiunterwäsche, Socken und Fleecejacke überstehen wir in unseren Schlafsäcken (Komfortzone 5° C), die erste Nacht einigermaßen. Der Bicicleta Wein hat sicherlich auch noch das Seine dazu beigetragen 😉 . Walter jammert am nächsten Morgen etwas über Probleme im oberen Rücken. Die 10 mm dicke Isomatte, im Hüftbereich mit einem 6 mm Stück etwas aufgepolstert, könnte er auch im Schulterbereich gebrauchen. Ich hab keine Probleme und gebe dem etwas empfindlichen Mann ein Stück meiner Polsterung ab 😉 .

Kommen in Uruguay vier Rindviecher auf einen Uruguayer, sind es in Chile gefühlt vier Hunde auf einen Chilenen. Problem ist, dass sie nachtaktiv sind und die ganze Nacht ununterbrochen um die Wette kläffen.

Tagsüber liegen sie dann völlig erschöpft in Vorgärten, an Häuserecken und in Rinnsteinen herum. Gut, dass ich nie ohne Ohrstöpsel reise.

 

Bei einem Spaziergang um und durch Entre Lagos sehen wir wieder den Vulkan Osorno aus Bäumen hervorspinksen. Wir begegnen einer Frauengruppe  mit hübschen farbigen Kleidern und kunstvoll gefertigten Blumenhüten, die von richtig guten Trommlern und Trommlerinnen begleitet werden. Der Vortrommler bearbeitet seine Trommel profimäßig. Die ganze Inszenierung gilt einzig und alleine uns Frauen 🙂 . Denn heute ist internationaler „Feliz Día de la Mujer“.

Entré Lagos – Parque Nacional Puyehue
Ein Haus für uns alleine
Die nächsten 45 km auf der Ruta 215 in den Parque Nacional Puyehue machen wir bei schönstem Wetter, auf einer perfekt asphaltierten Straße, mit für mich machbaren Steigungen. So langsam entwickle ich mich zur Bergziege 🙂 !

Der Osorno an Walters Helm

links Puntiagudo, rechts Osorno

Unsere nächste Unterkunft „Centro Turistico Anticura“ liegt mitten im Nationalpark Puyehue. Cabañas, kleine Hütten, liegen versteckt im Wald, eine davon beziehen wir für die kommenden zwei Nächte. Internet und Frühstück, wie eigentlich erwartet, gibt es nicht. Nachdem das Touristenzentrum mit Restaurant im vergangenen Jahr bis auf die Grundmauern abgebrannt und an anderer Stelle im Park wieder neu aufgebaut wurde, hat sich anscheinend einiges organisatorisch geändert. Die Angaben auf der Internetseite wurden nicht angepasst. Abends kann man immerhin zwischen zwei Essen wählen. Lachs mit gebratenen Kartoffelecken und Salat (Gurke + Tomate) oder Steak mit gebratenen Kartoffelecken und Salat. Gar nicht mal so schlecht! Nur Frühstück bekommen sie nicht hin. Einen Ort mit Einkaufsmöglichkeiten gibt es weit und breit nicht. Auf unserem Weg hierher haben wir aber ein Hinweisschild gesehen, auf dem Empanadas (gefüllte Teigtaschen) angeboten werden. Das werden wir uns morgen Früh mal näher ansehen.

Unsere Cabaña

Betten satt! Hinten Schlafzimmer und Bad

Restaurant
Bei Olivia

Am kommenden Vormittag radeln wir knapp 3 km auf unserer Route, die wir gekommen sind wieder zurück, bis zu dem Schild „Empanadas“ und bekommen von Olivia ein fürstliches Frühstück serviert. Brötchen (von gestern), selbstgemachte Stachelbeer-Himbeermarmelade, Rührei, kleine Krapfen und Nescafe! Ein paar Empanadas nehmen wir für später mit.

Von unserem Cabaña aus führen kleine Rundwege durch den Wald zu verschiedenen Wasserfällen und einem Aussichtspunkt auf den Vulkan Puyehue. Die wenigen Kilometer schaffen wir heute Nachmittag noch problemlos.

Am Abend bereiten wir uns auf unsere morgige Königsetappe, die Andenquerung zurück nach Argentinien, vor. Bis nach Villa la Angostura, unserem nächsten Ziel, sind es 76 km. Die ersten 25 km geht es nur bergauf. Eine gewisse Unruhe kommt in mir schon auf. Wie viele flachere Stücke es zum Luft holen gibt, kann mein Guide nicht so genau sagen. Mich unterstützend schieben ist auf keinen Fall drin. Also gibt es nur eine Möglichkeit! Gepäck umschichten! Walter erleichtert mein Rad um gut 5 kg und macht schon mal, für den Fall, dass ich schlapp mache, eine Stelle zum Zelten aus. Ist im Niemandsland zwar nicht erlaubt, haben andere aber auch schon erfolgreich praktiziert. Was sollen sie auch sagen? Wird ja wohl keiner von einer völlig Erschöpften verlangen, dass sie über die Grenze robbt 😉 .

Über den Pass Cardenal Samore nach Villa la Angostura/Argentinien
Die große Herausforderung
Frühstücken bei Olivia verlängert die Gesamtstrecke zwar um fast 6 km, aber ohne eine richtige Grundlage geht gar nichts. Wir bekommen das Gleiche wie gestern serviert. Die Brötchen sind allerdings diesmal von vorgestern. Zusätzlich zu unseren jeweils zwei gefüllten Radflaschen bringen wir noch zwei weitere Wasserflaschen in unserem Gepäck unter und machen uns auf den Weg. Die Passstraße ist nicht stark befahren. Die chilenische Grenze passieren wir bereits nach wenigen Kilometern problemlos. Autos, die auf den häufig bis zu 8 % steilen Anstiegen an uns vorbeifahren, hupen und winken immer wieder anerkennend. Das motiviert, aber mit unseren Rädern, die für eine solche Bergstrecke eine zu dicke Übersetzung haben, ist es schon verdammt anstrengend. Zum Glück kommen immer mal wieder Stücke, an denen wir anhalten, Wasser trinken und einen Riegel essen können. Wenn ein gelbes Schild am Straßenrand auftaucht, auf dem ein Lkw rückwärts eine Rampe hinunterzurutschen droht, weiß ich, dass es schlimm wird. Dann gibt es eine Extraspur für Lkws und die Steigung klettert auf 9 – 10 %. Der Gedanke absteigen und schieben zu müssen, was fürchterlich ist, lässt mich stetig und zäh die Rampen hinaufklettern. Unseren möglichen Zeltplatz im Niemandsland lassen wir links liegen. Es läuft bei mir erstaunlich gut 🙂 !  Als wir nach gut 30 km die Passhöhe auf 1321 m erreicht haben, weiß ich, dass ich es bis Villa la Angostura schaffen werde.

Chile lassen wir

hinter uns!

Jetzt geht’s erst einmal 10 km auf einer perfekt asphaltierten Straße, mit einem super Bergpanorama bergab bis zur argentinischen Grenze. Danach gibt es noch einige gemeine Gegenanstiege bis 8 %, mit denen wir nun gar nicht gerechnet haben.

Kurz vor Villa la Angostura am Nahuel-Huapi-See vorbei

Die extrem stark befahrene Ruta 40, die durch die touristische Stadt Villa la Angostura verläuft, macht mir fast mehr zu schaffen als die steilen Anstiege auf der Passstraße. Wir haben noch keine Unterkunft, da wir ja nicht wussten, ob wir es heute bis hierher schaffen würden. Die Touristeninformation, zum Glück noch geöffnet, vermittelt uns ein nettes freies Zimmer. In dem sehr gut bewerteten Restaurant „Chop Chop“ freuen wir uns bei hervorragend zubereitetem Lamm, dass wir die Andenquerung so erfolgreich geschafft haben. Auf den ersten 25 km waren immerhin 1000 Höhenmeter mit einer durchschnittlichen Steigung von 5 % zu erklimmen. Morgen ist aktive Erholung angesagt!

Auf der Halbinsel Quetrihué im Nationalpark Nahuel-Huapi wachsen bis zu 600 Jahre alte Myrtenbäume (Arrayáns), mit einer Höhe von knapp 20 m. Die Südspitze ist ein reines Arrayán-Gebiet, durch welches man auf Holzwegen geleitet wird. Wir gehen die 3 km von Villa la Angostura bis zur Bootsablegestelle am Nahuel-Huapi-See und buchen ein One-Way-Ticket bis zur Südspitze. Die 12 km zurück durch den Nationalpark laufen wir. Bis zu der Stelle am See, wo wir mit dem Boot gestartet sind, sind es noch weitere 2 km, mit denen wir nicht gerechnet haben. Wir überlegen, die Beine noch lahm von unserer gestrigen Bergetappe, ein Taxi zurück nach Villa la Angostura zu nehmen, entscheiden uns dann doch, die 3 km noch zurückzulaufen und kommen völlig platt in unserer Unterkunft an. War etwas viel für eine aktive Erholung 😉 ! Im Restaurant Rustica essen wir die genialste Pizza seit „La Grotta“ in Medemblik/NL. Zuviel um alles zu schaffen, wird es für unsere morgige Weiterfahrt ideal verpackt. Für unsere nächsten Zeltnächte erstehen wir im Supermarkt noch eine weitere Isomatte. 10 mm steht drauf, 6 mm sind drin. Besser als nichts.

Mit dem Boot

bis zur Südspitze

der Halbinsel Quetrihu

Villa la Angostura – Camping Pichi Traful im Parque Nacional Nahuel Huapi
Eine Traumtour auf der Ruta 40
Mit 5301 km ist die Ruta 40 die längste Nationalstraße Argentiniens und eine der längsten Fernstraßen der Welt. Sie durchquert den gesamten Westen Argentiniens von Süd nach Nord, Feuerland ausgenommen. Von Meereshöhe verläuft sie durch die Steppenlandschaft von Patagonien, Pampa, Weinanbaugebiete und die hohen Berge der Anden. Da wo die Ruta 231 nach Chile abzweigt und die Ruta 40 eine Rechtskurve Richtung San Martin de los Andes macht, wird es verkehrsmäßig ruhig. Bei Sonnenschein, einer eindrucksvollen Berglandschaft, auf einem für Radfahrer perfekt asphaltiertem Seitenstreifen, erleben wir einen 53 km langen Bikertraum. Nicht nur vorbeifahrende Autos hupen und grüßen wie gewohnt, auch die Motorräder machen es den Autofahrern gleich, anerkennend den Daumen in die Höhe streckend. Das kennt Walter aus der Eifel ganz anders.

Vorbei an Seen mit herrlichen Aussichtspunkten erreichen wir den Campingplatz Pichi Traful, mitten im Nationalpark Nahuel Huapi, unmittelbar am Lago Traful gelegen.

Lago Espejo an der Ruta 40

Lago Correntoso an der Ruta 40

Lago Correntoso an der Ruta 40

Camping Pichi Traful

am Lago Traful gelegen

Auf dem 2 km langen sehr steinigen Zufahrtsweg, schneidet Walter sich an einem scharfkantigen Stein seitlich den hinteren Mantel auf. Bedeutet eine aufwendige Ausbauaktion. Der Schlauch bekommt einen Flicken und in den Mantel wird auch ein Schlauchflicken geklebt. Die kommenden zwei Nächte zelten wir mitten im Paradies. Der Lago Traful eingerahmt von Bergen und Wald, hat einen weißen Strand, Schafe und einen Fluss gibt es auch.

Das Restaurant auf dem Platz bietet Pizza, Schnitzel in Brot und Hamburger in schlechter Qualität an. Mit Bier und einem Fernet Branca lässt sich alles gut hinunterspülen. Das Frühstück mit Tostas, Marmelade, Käse, Dulce de Leche und Tee ist gar nicht mal schlecht. Dulce de Leche, das Nutella Lateinamerikas, ist ein Brotaufstrich aus Milch, Zucker und Vanille. Die Creme wird auch in Plätzchen, Eis und Kuchen verarbeitet. Morgens beim Frühstück ist es schweinekalt in der Hütte. Der gusseiserne Ofen wird nur abends ab 21 Uhr befeuert. Von einem Gasboiler aufgeheiztes Duschwasser gibt es ab 18 Uhr. Wenn gegen 20 Uhr die Sonne untergeht, wird der Generator angeworfen und es wird Licht. Um 22:30 Uhr ist es wieder stockduster. Internet und Mobilfunk gibt es hier nicht. Ein Ort um die Seele baumeln zu lassen 🙂 !

Der Haushund

6 Wochen alt – eins von 5

Schnürsenkel immer interessant

Restaurant und Aufenthaltsraum

Warm angezogen fürs Frühstück

Camping Pichi Traful – Villa Traful
Dirt Road mit knackigen Anstiegen
Villa Traful, ein kleiner Ort am Lago Traful, liegt gut 700 m über dem Meeresspiegel. Wir fahren auf der Ruta 40 wieder 25 km zurück, die gleiche Strecke, die wir vor zwei Tagen gekommen sind. Die Provinzstraße 65, die zum Ort abzweigt, sind 25 km Dirt-Road mit bissigen Anstiegen. Nur der erste Kilometer ist asphaltiert, hat dafür aber eine Steigung von 13 %. Zick Zack fahren reduziert die Steigung. Mit dem Tipp meines Guides schaffe ich es ohne abzusteigen. Der wechselnde Straßenbelag, mal lose Steine, Wellblech oder weicher Sand, dazwischen immer wieder Rampen mit bis zu 10 % Steigung (hier ist bei dem Untergrund schieben angesagt), lässt keine Freude aufkommen. Der vorübergehend einsetzende Regen ist nicht schön, reduziert aber die Staubentwicklung durch vorbeifahrende Autos 😉 !

Wir sind froh, als wir im Hostel Vulcanche ankommen. Der geflickte Mantel hat bisher gehalten! Wunderschön von Bergen und Wäldern eingerahmt, liegt Villa Traful direkt am gleichnamigen See. Die mühevolle Anfahrt hat sich gelohnt. Abends lassen wir uns die mit Kürbis gefüllten Raviolis an einer Pilzsauce (Pilze aus der Region) und die leckeren Forellen, gefangen in den glasklaren Seen, schmecken.

Eine 33 km lange Dirt-Road (RP 65) führt wieder aus Villa Traful hinaus auf die RN 237 Richtung Bariloche. Unser Hostelvater meint, dass sie in einem besseren Zustand ist, als das Stück welches wir vor zwei Tagen gekommen sind. Wir sind gespannt, ob seine Einschätzung stimmt 😉 . In einem nach „Schweizer Vorbild“ aufgebautem Dorf trinken wir das bisher beste Bier, essen Gulasch mit Reis und Sauerkraut und machen zur Abwechslung mal eine Bergwanderung. Mehr dazu im 3. und letzten Teil von „Patagonien light“ – Eine Radtour.