Patagonien „light“ – Eine Radtour – 1. Teil

Patagonien/Argentinien – Chile 8008 sm von Stavoren
26.2. – 7.03.2019

Durch die argentinische Schweiz nach Chile und zurück
Raue Gletschergebiete und wilde einsame Landschaften verbinden viele mit Patagonien. Dabei hat Patagonien viele Gesichter. Im argentinischen Teil, der überwiegend zu Ostpatagonien gehört, dominieren Steppen- und Graslandschaften. In Westpatagonien, größtenteils zu Chile gehörend, finden sich Gletscherfjorde und Regenwälder. Die im Norden von Argentinien gelegene touristische Stadt Bariloche, wo unsere Reise beginnt, wird aufgrund seiner wunderschönen Berg- und Seenlandschaft als die argentinische Schweiz bezeichnet. Südlich der Magellanstraße beginnt Feuerland, was nicht mehr zu Patagonien zählt. Die Anden, die längste Gebirgskette der Erde, durchziehen ganz Patagonien und sind auf der Radreise allgegenwärtig.
Uns und unseren Rädern wollen wir nur das gemäßigtere Patagonien zumuten, die „Lightversion“. Rauf und runter wird es auf unserer Tour immer gehen. Dirt-Road-Kilometer versuchen wir möglichst gering zu halten.

Unsere vierwöchige Radtour beginnt mit dem gut zweistündigen Flug von Buenos Aires nach Bariloche. Die Cyclocrosser, ausgestattet mit mechanischen Scheibenbremsen, Continental 4000 S II Bereifung (vorne 25 mm, hinten 28mm), der kleinsten Straßenübersetzung, die bei Shimano erhältlich ist (vorne 34/46, hinten 11fach 11-32 Zähne) und Tubus Fly Classic Gepäckträgern, erreichen in der selbstgebastelten Kartonverpackung wohlbehalten ihr Ziel. Wir übernachten überwiegend in Hostels, bei schönem Wetter in unserem Kuppelzelt Coleman Darwin 3. Die erste Nacht verbringen wir im Hostel Valhalla, 4 km vom Zentrum Bariloche entfernt und sind froh, um 22 Uhr in der Cervecería (Brauereischänke) Manush, direkt um die Ecke, noch gutes Essen und ein leckeres Bier zu bekommen.

Am nächsten Tag verbringen wir einige Zeit damit, die Räder zusammenzubauen, Gepäck zu verstauen und alles sicher auf den Gepäckträgern zu befestigen. Die Radverpackung und Reisetaschen können wir für die kommenden 4 Wochen im Hostel deponieren.

Bariloche – Villa Campanari
Kleine Einrolltour
Die erste Tour wird eine Einrolltour zu dem 27 km entfernten Hotel Panamericano. Mit einer durchschnittlichen Steigung von 4 % wird es für meine noch recht schlappe Kondition nicht ganz locker. An Fahren mit Gepäck (ich 15 kg; Walter 20 Kg) muss nicht nur ich mich erst gewöhnen. Das Hotel liegt 3 km vom Puerto Pañoelo entfernt, von wo aus es morgen mit 3 Fähren über 3 Seen und die Anden nach Chile geht. Nach dem Einchecken fahren wir mit den Rädern zum Hafen hinunter, in der Hoffnung die Fährtickets zu bekommen. Fehlanzeige! Die Tickets gibt es nur in Bariloche. Wir haben Glück und erreichen mit einem Bus, der direkt vor dem Hotel abfährt, noch rechtzeitig die Verkaufsstelle und Tickets gibt es auch noch für uns.

Villa Campanari – Puerto Pañoelo – Puerto Blest – Puerto Frias – Peulla – Petrohuí
Über drei Seen nach Chile

Fähr- und Radstrecke gekennzeichnet

Nachdem wir am kommenden Morgen die Gebühr für den Nationalpark gezahlt haben und unser mühsam befestigtes Gepäck wieder von den Rädern nehmen müssen, können wir auf die Fähre. Wir fahren von Puerto Pañoelo nach Puerto Blest. Unser Gepäck und die Pauschaltouristen werden im Reisebus transportiert und wir radeln die 3 km bis zur nächsten Fähre. Über den Lago Frias geht es nach Puerto Frias, wo wir aus Argentinien ausklarieren müssen. Alles geht schnell und unproblematisch.

In Puerto Frias wird unser Gepäck erfreulicherweise in Transportcontainer gepackt und mit einem Lkw nach Chile gebracht. Mit dem Service haben wir gar nicht gerechnet. Die 37 km bis zur dritten und letzten Fähre sind eine Dirt Road, die nach unseren Recherchen gut befahrbar sein soll. Da scheint sich einiges geändert zu haben. Bis zum Erreichen des höchsten Punktes auf ca. 1000 m ist der Weg noch einigermaßen fahrbar.
Dann geht es gut 800 Höhenmeter nur bergab und wir müssen uns mit unseren nicht für diese Straßenverhältnisse ausgelegten Räder über einen unwegsamen Belag, tiefer Sand mit dicken Kieselsteinen, quälen. Das Gefälle beträgt auf den ersten 6 km satte 9 %. Die Vorderräder graben sich immer wieder in den nachgiebigen Untergrund ein, die Hände schmerzen aufgrund der dauerhaften Betätigung der Bremsen und der ganze Körper wird ununterbrochen durchgeschüttelt. Nachdem ich mich dreimal auf die Klappe gelegt habe (Walter hat am Ende gleichgezogen 😉 ), setzt bei mir aufgrund der ununterbrochenen Konzentration langsam aber sicher eine psychische Erschöpfung ein. Wir sind froh, als wir die chilenische Zollstation erreicht haben und unser Gepäck vor der Türe liegen sehen.

Die Mitarbeiter von Zoll und Immigration zeigen nicht die größte Eile. Als unser Gepäck auch noch auf Lebensmittel hin untersucht werden soll, schwindet die Hoffnung, die in 20 Minuten abfahrende Fähre noch rechtzeitig zu erreichen. Anscheinend hat man doch Erbarmen mit uns und kürzt das Procedere etwas ab. Walter hat Mühe das Gepäck auf seinem Rad in der Kürze der Zeit richtig festzuzurren und kämpft auf dem katastrophalen Wegstück zur Fähre mit vom Rad fallenden Gepäckstücken. Als jemand uns auf Englisch hinterherruft, wir sollen uns nicht sorgen, die Fähre würde auf uns warten, kommt so etwas wie eine leichte Entspannung auf. Mit nur 10 Minuten Verspätung legt die Fähre mit uns und unseren Rädern nach Petrohuí ab.

Für die 37 km Dirt Road haben wir fast 4 Stunden gebraucht. Mit Gepäck auf den Rädern hätten wir die Strecke überwiegend nur schiebend geschafft. Bei einer Tafel Schokolade, für jeden von uns! und einem Becher Kaffee schaffen wir es dann sogar die eindrucksvolle Landschaft zu genießen.

 

Damit müssen wir uns die nächsten Stunden herumquälen und es wird noch schlimmer 🙁 !

 

 

 

 

 

 

 

Höchsten Punkt erreicht – 1000 m

Zum Glück ohne Gepäck unterwegs 🙂

Der Osorno überall präsent 🙂

Angekommen in Petrohuí ist es nicht so einfach eine passende Unterkunft zu finden. 300 US $ sind wir nicht bereit für eine Nacht im einzigen Hotel des Ortes zu zahlen. Ein Junge mit einer Handfunke vermittelt uns eine Pension auf der anderen Seite des Flusses, nicht ganz preiswert, aber an die hohen Preise in Chile werden wir uns gewöhnen müssen. Wir werden samt unserer Räder mit Gepäck auf einen Kahn verladen und über den Fluss gesetzt. In der einfachen Unterkunft haben wir ein Zimmer, immerhin mit eigenem Bad und Blick auf den 2652 m hohen Vulkan Osorno, wenn er sich nicht gerade in Wolken hüllt. Gebratener Lachs mit Beilagen und ein Bierchen mildern die Qualen unserer zweiten Tour. Wir fühlen uns wohl im Hospedaje der Familia Kuschel. Hier haben, wie in vielen anderen Familien in dieser Gegend Chiles, deutsche Vorfahren mitgemischt. Gesamtstrecke: 101 km, davon 37 km mit dem Rad, mit einer Steigung von durchschnittlich 5%, 324 m bergauf und gut 800 m, unter schwersten Bedingungen, bergab.

Alles hinein in den Kahn

Hospedaje Kuschel

Fensterblick auf den Osorno

Blick in den Hof

Petrohuí – Puerto Varas
Deutsches Chile
Nach dem Frühstück geht’s wieder zurück über den Fluss. Laut einer Blogbeschreibung müssen wir erst einmal entlang einer 6 km langen, gut zu befahrenden Lavastraße. Inzwischen sind es nur noch 2 km Lavastraße. Die restlichen 4 km sind mit Sand und Kieselsteinen aufgeschüttet und vorbereitet für eine zukünftige Asphaltierung. Fürchterlich! Walter hat hier seinen ersten Platten.

Die restlichen 57 km, bis zu der kleinen touristischen Stadt Puerto Varas, sind schönes Fahren auf einer asphaltierten Straße mit abgetrenntem Radstreifen. Davon allerdings 25 km im Regen. Wir fahren an ausgebüxten Schafen vorbei und ärgern uns über das auf dem Radweg querstehende Auto mit einer jungen Frau am Steuer und Handy am Ohr. Sie biegt wieder ab auf die Straße und fährt gestikulierend neben uns her, um sich nach einigen Kilometern wieder quer vor uns zu stellen. Dann sehen wir erst den Hund, der anscheinend schon seit mehreren Kilometern unbemerkt hinter uns herläuft.

Die kommenden zwei Nächte verbringen wir im Hostel Compass del Sur in Puerto Varas, mit einer deutsch und englisch sprechenden Besitzerin. Der Ort liegt am Südufer des Lago Llanquihue-Sees. Wir haben etwas Pech mit dem Wetter. Die ansonsten schöne Sicht auf den Vulkan Osorno bleibt für uns hinter Wolken verborgen. In der Stadt ist deutsch an vielen Ecken allgegenwärtig. Es gibt eine deutsche Schule, einen deutschen Club mit Restaurant (wir gehen nicht hinein) und Bäckereien die Vollkornbrot anbieten.

Puerto Varas – Puerto Montt
Ein wenig Pazifik schnuppern
Puerto Montt ist nur 25 km von Puerto Varas entfernt. Den Ort, an dem wir, wenn alles wie geplant läuft 😉 , im März 2020 mit der Aloma sein werden, wollen wir uns auf jeden Fall anschauen. Wenn wir es bis hierher schaffen sollten, hätten wir den schwierigsten Teil unserer Segelstrecke durch den Beaglekanal und die Magellanstraße geschafft. Vielleicht haben wir Glück und Segler aus der Whatsapp-Gruppe „South America Sailing Team 2018“ sind inzwischen in Puerto Montt angekommen.
Die Straße nach Puerto Montt ist verkehrsreich und eine Hundeattacke hätte auch anders ausgehen können. Gleich drei, nicht gerade kleine Hunde, rücken uns kläffend verdammt nah auf die Pelle. Sie lassen sich nur schwer abwimmeln. Anhalten ist auch nicht die Lösung, da sie sobald man sich in Bewegung setzt wieder hinter einem herrennen. Versucht man schnell zu entkommen, werden sie noch wilder. Langsam weiterfahren und hoffen, dass sie einen nicht zu Sturz bringen oder sich in der Wade festbeißen, ist die beste Strategie. Froh zu sehen, dass sie umkehren, muss ich erst einmal wieder meine erhöhte Atemfrequenz unter Kontrolle bekommen.
Die Straßen in Puerto Montt zu unserem Hostel Casa Perla sind mit einer Steigung bis zu 13 % für mich zu steil, um sie fahrend zu bewältigen. In der Unterkunft, mit einer netten älteren englisch sprechenden Hostelmutter und einem deutschen Schwiegersohn, bleiben wir zwei Tage.

Hostel Casa Perla

Blick aus unserem Zimmer

Puerto Montt ist eine Stadt ohne besonderen Reiz. Ein wenig touristischer und aufgeräumter wird es im Hafengebiet Angelmo, wo Kunsthandwerk, Strickwaren und anderer Krimskrams in Holzhäusern angeboten werden. Restaurants gibt es hier auch jede Menge.

Monumento „Sentados Frente Al Mar“ – Wahrzeichen von Puerto Montt

Vor dem Gelände der chilenischen Armada kommt ein uniformierter Marineangehöriger freundlich grüßend auf uns zu und bietet uns an ein Selfie mit ihm zu schießen. Luis wird überwiegend auf Leuchttürmen eingesetzt und hat 4 Monate auf der unbewohnten Diego-Ramirez-Insel Gonzalo (56,5° südliche Breite), südwestlich von Kap Hoorn gelegen, verbracht. Hier hat die chilenische Armee 1951 eine Wetterstation errichtet und ein Leuchtfeuer gibt es auch. Verdammt einsam, dort am Ende der Welt!

In der vom Zentrum ca. 2 km entfernten Marina trinken wir zur Abwechslung mal einen sehr guten Kaffee aus einem professionellen Kaffeeautomaten. Ansonsten gibt es in Chile fast ausschließlich nur Nescafé oder Tee. Segler aus unserer Whatsapp-Gruppe sind leider noch nicht eingetroffen.

Puerto Montt – Puerto Octay
Wir fahren, fahren, fahren auf der Autobahn
Sollen wir bei regnerischem Wetter und keiner Sicht auf schöne Landschaft und Vulkane die 82 km bis Puerto Octay über die V225 fahren? Wirkliche Lust darauf haben wir nicht. Alternative ist die schnellere und 15 km kürzere Strecke über die autobahnähnliche Routa 5. Früher war es für Fahrräder möglich auf dem Standstreifen der Autobahn zu fahren. Laut einem Blogbeitrag ist es heute nicht mehr zulässig. Sicher kann es uns aber keiner sagen. Wir entscheiden uns für die Autobahn.

Immer auf dem Standstreifen entlang

auch mit schönen Aussichten (Alpakas)

Ich komme mir vor wie auf der A1 in Köln. Stark befahren, laut und viele LkWs nerven. Aber wir sind flott unterwegs. Wir befürchten schon von einem Kontrollposten an einer Ausfahrt gestoppt zu werden. Er grüßt aber nur freundlich und weiter geht’s. In Deutschland hätte es schon längst Warnmeldungen auf allen Radiosendern gegeben: „Auf der A1 sind offenbar orientierungslose Radfahrer, mit schwer bepackten Rädern, auf dem Standstreifen unterwegs. Wer die, unter Umständen alkoholisierten Radler sichtet, wird gebeten dies umgehend der Polizei zu melden.“ 🙂

Nach 40 km sind wir froh in Alto Frutilla die Autobahn verlassen zu können. In einem Café lässt ein Kaffeeautomat Hoffnung auf guten Kaffee aufkommen. Die Maschine scheint aber nur Dekoration zu sein. Als Café con Leche bekommen wir einen Becher mit heißer Milch und Nescafé zum Einrühren serviert.

Der kleine Ort Puerto Octay, unser heutiges Ziel, liegt am Nordufer des Lago LLanquihue. Er soll laut Beschreibung stark deutsch geprägt sein. Außer deutschen Gebäuden aus 1910 ist hier nichts wirklich deutsch. Was macht man bei schlechtem Wetter? Genau, man geht ins Museum. Der 80 jährige Fritz aus Bayern, den wir vor dem Museum „El Colono“ treffen, ist der gleichen Meinung. Gemeinsam schauen wir uns die kleine Ausstellung an, die von der Lokalgeschichte Puerto Octays erzählt. Es gibt kaum ein Land, was Fritz noch nicht bereist hat. Mit zwei Koffern ist er zurzeit für einige Monate in Südamerika unterwegs. Nicht als Pauschaltourist. Er organisiert die ganze Reise alleine. Bewundernswert!

Unsere Unterkunft

Biotop im Ort

Museum „El Colono“

altansässiges Hotel

Gemeinsam mit Fritz

eine steile Straße hinauf

zum Friedhof

mit etwas trüber Aussicht

Wieder einmal haben wir eine unerfreuliche Hundebegegnung. Diesmal auf einem Spaziergang entlang des Seeufers. Ein junger Hund, mit verdrecksten Pfoten, hat nichts Besseres zu tun als hinter Walter herzulaufen und unentwegt an ihm hochzuspringen. Er lässt nicht von ihm ab und saut die gute Outdoorjacke von oben bis unten so richtig ein. Zum Glück geht das ganze Spielchen ohne Beschädigungen ab. Trotzdem ärgerlich!

Impressionen von unserem kleinen Spaziergang am See:

Auf dem Campingplatz Puyehue in Entre Lagos werden wir nach 25 Jahren erstmalig wieder unsere Eignung fürs Zelten überprüfen 😉 . Über den Pass Cardenal Samore, zurück nach Argentinien, wird die schwierigste Etappe unserer Radreise. Wir stellen uns schon auf zelten im Niemandsland ein. Mehr dazu im 2. Teil von „Patagonien light“ – Eine Radtour.

Über den Fluss nach Argentinien

Buenos Aires und Victoria B.A./Argentinien 8008 sm von Stavoren
9.02. – 12.02.2017

Es sind jetzt schon mehr als zwei Monate her, dass wir von Colonia del Sacramento/Uruguay nach Buenos Aires und dann weiter nach Victoria B.A. in den Segelclub Barlovento geschippert sind. Die Einklarierung in Argentinien hat uns einiges an Nerven gekostet. In Victoria angekommen haben wir uns die folgenden zwei Wochen, bis zu unserem Abflug nach Bariloche/Patagonien, ausschließlich mit der Vorbereitung unserer Radtour beschäftigt. Nach unserer vierwöchigen Radreise war erst einmal putzen, waschen und alles wieder verstauen angesagt. Außerdem haben wir eine lange To-Do-Liste für unsere im Südherbst geplante Weiterfahrt mit unserer ALOMA nach Patagonien abzuarbeiten.

Behördenwahnsinn in Buenos Aires
9.02. – 11.02.2019
Von Colonia del Sacramento aus kann man fast nach Buenos Aires hinüberspuken. Wir klarieren aus Uruguay aus und müssen, mangels Wind, die 24 sm über den Rio de la Plata motoren. Die Nadir fällt diesmal als Fotomotiv aus. Rena und Gucky haben bereits vor einigen Tagen nach Buenos Aires abgelegt zum Einklarieren, wieder Ausklarieren, um dann mit neuer Aufenthaltsdauer wieder nach Uruguay einreisen zu können. Ihr Boot wollen sie während ihres Heimaturlaubes in Juan Lacaze/Uruguay parken.
Außer der braunen Flussbrühe gibt es erwartungsgemäß nicht viel zu sehen. Dann kommt doch Abwechslung in die Bude. Zahlreiche Insekten machen es sich auf und in der Aloma gemütlich. Falter und kleine Libellen sind das neue Fotomotiv.

Die Skyline von Buenos Aires

Der Yacht Club Argentino muss vor Ankunft angefunkt werden, damit die Barre, die als Schutz vor dem Schwell der vorbeifahrenden Fähren dient, geöffnet wird. Rena und Gucky stehen schon auf dem Steg und ein Marinero hilft, von einem kleinen Motorboot aus, beim Belegen der Festmacher.

Yacht Club Argentino in Buenos Aires

Wir melden uns im Hafenbüro an und begeben uns mit einem Formular des Clubs und einer genauen Information über die Reihenfolge des zu absolvierenden Papierkrams direkt auf den Behördentriathlon: Immigration – Aduana (Zoll) – Prefectura. Die gut 3 km zur Immigration machen wir zu Fuß. Ein wenig Bewegung schadet ja nichts. Mit unseren Einreisestempeln in den Reisepässen und einem Formular der Immigration gehen wir zur Aduana. In dem kleinen, mit zwei besetzten Schreibtischen bestückten Büro, tummeln sich noch drei weitere Mitarbeiter. Die Aussicht auf eine zügige Abwicklung wird schnell zunichte gemacht. Einer der Schreibtischmitarbeiter ist heute besonders wachsam und stellt anscheinend erstmalig fest, dass auf dem Formular des Yacht Clubs Argentino nicht Buenos Aires, sondern San Fernando steht. Dort hat der Yacht Club Argentino noch einen weiteren Club und seinen Hauptsitz. Daher wohl nur ein Formular mit dem Aufdruck San Fernando. „Nein, hier sind wir falsch“, meint Señor Wachsam. Wir müssen zur Aduana nach San Fernando, wo auch unser Boot liegt. Erfolglos versuchen wir ihm klarzumachen, dass wir mit unserem Boot im Yacht Club Argentino hier in Buenos Aires sind. Keine Chance! Erst als er geschäftig in seinem Ordner die gesammelten Formulare anderer Segler durchblättert, stellt er fest, dass überall San Fernando aufgedruckt ist! Huch, da fängt er aber an nervös zu werden. Der zweite Schreibtischmitarbeiter mischt sich nun ein und versucht die Lage zu entspannen. Die übrigen herumstehenden Mitarbeiter schauen völlig ahnungslos aus ihrer Uniform. Die Aduana möchte sich auf jeden Fall davon überzeugen, dass die Aloma auch wirklich im Yacht Club um die Ecke schwimmt. Erst einmal sollen wir aber zur Prefectura und uns danach wieder bei ihnen melden.
Wie auf unserem Zettel beschrieben finden wir schnell das Gebäude der Prefectura, welches mitten im Hafengebiet Puerto Madero liegt. „Eigentlich sind wir nicht zuständig für den Club Argentino“, eröffnet der Mitarbeiter gleich das Gespräch. Nach langem Hin und Her lässt er sich dann doch erweichen und erledigt die Formalitäten. Zurück bei der Aduana werden wir gefragt, wo denn das Formular der Prefectura ist. Wir haben keins bekommen. Alle Zettel liegen bei der Prefectura. Kurzes Grummel, Grummel! Es würde heute Abend noch eine Mitarbeiterin im Club Argentino bei der Aloma vorbeischauen. Kann sie machen, wir sind aber nicht da, weil es inzwischen fast 20 Uhr ist und wir Kohldampf haben. Ist kein Problem. Behördentriathlon beendet. Insgesamt liegen gut 10 km Fußmarsch hinter uns. Unterwegs treffen wir auf die ebenfalls hungrige und behördengenervte Crew der Nadir, Rena und Gucky. Geteilter Ärger ist halber Ärger. Bei gutem Essen und ein paar Bier sowieso.

Am nächsten Tag verabschieden wir uns von der Nadir für mehr als ein halbes Jahr. Wir werden sie vermissen.

Die Nadir geht zurück nach Uruguay

Gute Fahrt und bis bald 🙂

Für Dienstag zeichnet sich ein gutes Wetterfenster für die Überfahrt nach Victoria, einer kleinen Stadt im Großraum von Buenos Aires, ab. Dort wollen wir im Club de Veleros Barlovento für einige Zeit bleiben. Der aus südöstlicher Richtung blasende Wind lässt das Wasser im Rio de la Plata erfreulich hoch steigen, wodurch wir erheblich Seemeilen sparen. Das flache, schmale und spärlich betonnte Fahrwasser vom Rio de la Plata in den Rio Luján, wo der Segelclub Barlovento liegt, ist ansonsten für uns nicht befahrbar. Eine ausgiebige Besichtigung Buenos Aires können wir immer noch von Victoria aus machen.
In der kurzen Zeit, die uns noch verbleibt, schlendern wir durch das sehenswerte Hafenviertel Puerto Madero. Restaurants, Cafés und Wohnhäuser, in den alten Fabrikhäusern und Hafenanlagen untergebracht, reihen sich entlang der langen Promenade und bilden gemeinsam mit den zahlreichen Hochhäusern (alle < 200 m) eine eindrucksvolle Kulisse.

Einen Tag vor unserer geplanten Weiterfahrt gehen wir zur Prefectura, um aus Buenos Aires auszuklarieren. Die anderen zwei Behördeneinheiten können wir uns diesmal sparen. In der Prefectura sitzen heute nicht die gleichen Gesichter wie beim Einklarieren. Andere Mitarbeiter neues Spiel! „Hier sind wir falsch“, bekommen wir gleich gesagt! Wir müssen zur Prefectura Buenos Aires, die schlappe 3 km entfernt ist. Dass ihr Kollege uns hier netterweise einklariert hat und unsere Unterlagen hier abgelegt sind, interessiert nicht. Außerdem können wir erst morgen früh, kurz vor unserer geplanten Abfahrt, ausklarieren. Es fängt wieder an lustig zu werden. Wir gehen erst einmal etwas essen und versuchen es mit dem Ausklarieren nochmal um 23 Uhr, nach hoffentlich erfolgtem Schichtwechsel (rund um die Uhr geöffnet). In dem Büro ist es stockduster. „Stromausfall“, entschuldigen sie sich. Die neuen Gesichter sind auch einhellig der Meinung, dass wir hier falsch sind. Sie kramen zumindest unsere Unterlagen hervor und lassen uns ein Formular ausfüllen, was kurz Hoffnung aufkommen lässt. Bei den Lichtverhältnissen ist es unmöglich, irgendetwas zu erkennen. Sie schieben für Walter einen Stuhl vor den hellerleuchteten Glaskasten, in dem eine Marienfigur platziert ist. Für die Señorita gibt es anscheinend ein Notstromaggregat. Anschließend schicken sie uns zur Prefectura Buenos Aires, wo angeblich noch jemand anzutreffen ist. Wir nehmen ein Taxi, denn sie liegt nicht in der sichersten Gegend der Stadt. Alle Schiebetore sind offensichtlich zu, aussteigen und testen machen wir nicht. Der Taxifahrer ist nach Internetrecherche der Meinung, dass sie erst wieder morgen früh um 8 Uhr öffnet und fährt uns zurück zur Prefectura Puerto Madero. Wir sollen morgen früh um 6 Uhr wieder kommen. Sie können wegen Stromausfall hier nichts für uns tun (Verarsche, die haben keine Lust sich mit uns zu beschäftigen 😉 ). Nach 1 Uhr sind wir endlich erfolglos zurück auf der Aloma. Um 6 Uhr am nächsten Morgen steht Walter erneut vor einer neuen Mannschaft der Prefectura. Keine Chance (haben wir uns schon gedacht). Er muss zur Prefectura Buenos Aires und schafft es endlich dort alles zu erledigen. Was wir hier in Argentinien an Behördenspielchen erlebt haben, toppt alles bisher erlebte. Es ist das bisher mit Abstand schlechteste Laientheater.

Wir lassen Buenos Aires im kabbeligen Kielwasser

Fast gestrandet im Rio Luján
12.02.2019
Mit 2 m mehr Wasser unter den Kielen legen wir nach Victoria ab. Kurz bevor wir in den Rio Luján abbiegen, werfe ich einen Blick auf den Tiefenmesser. 1,80 m lässt uns hellwach werden. Wir haben vergessen den akustischen Tiefenalarm einzuschalten. Hatten wir abgestellt, da wir in der Vergangenheit im tiefen Wasser häufig Fehlalarm hatten. 30 cm weniger und wir sitzen fest! Bis zum nächsten Hochwasser kann es dauern. Schnell das Steuer Richtung Ufer herumgerissen. Hier wird es zu unserer Erleichterung wieder zunehmend tiefer und wir erreichen ohne weitere Probleme den Yachtclub Barlovento. Dort werden wir von einem motorisierten Marinero in Empfang genommen, der uns hilft an Mooringtonnen und vorne an Leinen, die an einer auf der Uferböschung entlanglaufenden Kette befestigt sind, anzulegen. Unsere eigenen Festmacher können wir in der Backskiste lassen.

So sieht es vor unserer Aloma bei Hochwasser aus!

Wir freuen uns im Yachtclub Barlovento die französische Familie der SY Pikaïa kennenzulernen, die wie wir in der Whatsapp-Gruppe „South America Sailing Team 2018“ sind und ihr Vorhaben Patagonien auch auf Ende 2019 verschoben haben.