Vom Atlantik in den Rio de la Plata

Montevideo/Uruguay 7862 sm von Stavoren
6.01. – 19.01.2019

Vorerst gibt es keine langen Törns mit Nachtfahrten mehr. Nur noch kurze Tagesschläge. Auch mal schön.

Piriapolis – Stadt der Seelöwen
6.01. – 11.01.2019
Kurz nach 6 Uhr legen wir in La Paloma ab, um die 69 sm bis nach Piriapolis noch im Hellen zu schaffen. In der Abdeckung des Breakwaters setzen wir das Großsegel und warten vergeblich auf den angekündigten Wind. Erst drei Stunden später können wir bei 4 Bft aus NNO eine knappe Stunde lang segeln. Dann ist wieder Motorunterstützung angesagt.

Erfreulich ist, dass Gustav unser Autopilot eisern seinen Dienst tut. Das Reinigen der Kohlebürsten, Entgraten der Kohle und Staub absaugen war wohl die Lösung des Problems  🙂 .

Kohlebürsten vor der Behandlung

Als wir Punta del Este, das St. Tropez von Uruguay, querab haben, beginnt sich so langsam das Wasser des Atlantiks mit dem braunen Flusswasser des Rio de la Plata zu vermischen. Die Nadir ist  wieder ein dankbares Fotomotiv. Ansonsten ist nicht viel zu sehen.

Skyline von Punta del Este

Punta del Este und Nadir

und nochmal  die Nadir

Punta del Este haben wir im Juni vergangenen Jahres besichtigt. Das werden wir uns nicht nochmal antun. In der Marina müssten wir jetzt für unser Boot 150 Euro/Tag berappen. Was für ein Irrsinn. Damals sind wir mit Flugzeug und Bus von Salvador nach Montevideo gereist, um von dort aus einen dreimonatigen Heimaturlaub anzutreten. Eigentlich war geplant zusammen mit der Aloma in Uruguay zu sein. Wegen eines Getriebeschadens musste sie aber in Salvador bleiben und wir für 3 Monate  Brasilien verlassen.

Punta del Este Juni 2018

Strand Punta del Este 06/2018

La Mano o Los Dedos, Mario Irarrázabal

In der Marina von Piriápolis, dem ältesten Seebad Uruguays, machen wir kurz vor Sonnenuntergang am Steg fest.

Piriapolis

Marina in

Piriapolis

Unsere Reisepässe bekommen am nächsten Tag von der Immigration Einreisestempel mit Datum 7.1. verpasst. In La Paloma gab es keine Immigration. Dass wir bereits seit dem 20.12. in Uruguay sind, interessiert keinen. Mit 55 Euro/Tag sind die Hafengebühren in Piriapolis dreimal so hoch wie in der Vor- und Nachsaison. Lange werden wir hier nicht bleiben. Die Tage nutzen wir, um unsere angesammelten Wäscheberge mit Rucksäcken und Reisetaschen in eine Wäscherei zu schleppen und die Seelöwen in der Marina zu beobachten. Jeden Morgen tummeln sich die Schwergewichte im Hafenbecken der Fischerboote und freuen sich auf die Fischabfälle, die ihnen vor die Schnauze geworfen werden. Wie es die bis zu 300 Kilogramm schweren Biester schaffen, sich aus dem Wasser auf die Hafenmole zu schwingen, bleibt uns verborgen.

Hier in Piriapolis erleben wir einen echten Pampero. Der aus dem Süd-Westen kommende Wind drückt uns vom Steg weg. Andere haben da weniger Glück. Das Biminigestänge sichern wir vorsichtshalber mit einem Tau. Die Aloma übersteht alles ohne Schaden. Auf dem Nachbarboot hat man alle Mühe das wild flatternde Sonnensegel unter Kontrolle zu bekommen.

Am Morgen, vor unserer Weiterfahrt nach Montevideo, muss ich beim Öffnen der Badtüre Wasseralarm geben. Sauberes! SALZWASSER sprudelt munter über die Toilettenschüssel und hat bereits mit etlichen Litern Bilgen im Badezimmer und der Pantry geflutet. Die Fehlbedienung des Ventils um drei Uhr in der Nacht ist eindeutig einer Person zuzuordnen 🙂 ! Ich bin fein raus! Der Schwanenhals mit Belüfter ist  nicht ausreichend hoch angebracht. Hatten wir schon vor einiger Zeit festgestellt. Was man nicht sofort macht, rächt sich!  Wird vergessen das Ventil nach Toilettenbenutzung von Wasser rein auf Wasser raus zu stellen, hat man die Sauerei. Bis zu unserer Abfahrt sind wir drei Stunden damit beschäftigt, die Bilgen leerzuräumen, Wasser abzupumpen und alles mit Süßwasser zu säubern. Zum Glück ist das meiste in Plastikboxen verstaut. Nur die vielen Kaffeepakete müssen einem Süßwassertauchbad unterzogen werden. Das Höherlegen des Schwanenhalses rückt auf Position 1 unserer To-Do-Liste.

Montevideo – Probier‘s mal mit Gemütlichkeit  🙂
11.01. – 19.01.2019
Auf den 44 sm bis Montevideo bläst der Wind, wie fast immer, aus nicht vorhergesagten Richtungen. Das Wasser des Rio de la Plata ist unangenehm kabbelig und es kommt ein Feeling wie auf dem Ijsselmeer bei Starkwind auf.

Die Nadir ist schneller als wir. Vorteil für uns! Gucky sitzt bei unserem Eintreffen im Yachtclub Buceo schon einsatzbereit im Schlauchboot, um uns beim Festmachen an der Muringtonne behilflich zu sein 🙂 .

Gucky im Einsatz Bild: Rena Reischl

Außer dem Yachtclub gibt es keine Marina in Montevideo. Schon erbärmlich für eine 1,4 Mio. Stadt. Immerhin lebt hier fast die Hälfte der Bevölkerung des kleinen Landes Uruguay. Während unseres gut einwöchigen Aufenthaltes regnet es fast jeden Tag und bei dem häufig kräftigen Wind tanzt die Aloma an der Muringtonne auf und ab. Die zwei sonnigen Tage nutzen wir, um gemeinsam mit Rena und Gucky durch Montevideo zu schlendern, leckere Steaks zu essen und das ein oder andere Bierchen zu trinken. Wenn einer Fleisch kann, dann sind es die Uruguayer. Auf einen Uruguayer kommen 4 Rindviecher, die auf den endlos weiten Pampassteppen grasen.

Wir erleben, anders als bei unserem letzten Besuch im Juni 2018, Montevideo mit Blättern an den Bäumen. Nahezu jede Straße ist eine grüne Allee.

Die Stadt strahlt mit ihren renovierungsbedürftigen Colonialbauten einen sympathisch morbiden Charme aus. Keine Großstadthektik, alles ganz beschaulich und entspannt. Vielleicht liegt es ja am Matetee, der überall in Uruguay getrunken wird. Männer tragen eine Thermoskanne wie ein Baby im Arm, das Trinkgefäß mit dem Kraut und der metallenen Trinkhilfe „bombilla“ in der Hand. Frauen schieben den Kinderwagen und dürfen zwischendurch mal an dem Trinkröhrchen saugen. Bei den Behörden stehen die Becher auf den Schreibtischen. Beim Entspannen auf der Parkbank oder beim Angeln, überall ist Mate dabei. Vielleicht liegt die Entspanntheit der Uruguayer aber auch daran, dass der frühere Präsident Jose Mujica in 2013 ein Gesetz zur Legalisierung von Freizeit-Cannabis unterzeichnet hat. Das soll dem Schwarzmarkt die Kiffer-Kundschaft nehmen. Jeder Uruguayer darf, nachdem er in ausgewählten Apotheken seinen Fingerabdruck hinterlassen hat, 40 Gramm pro Monat kaufen und daheim sechs Hanfpflanzen anbauen. Touristen gehen in der Apotheke leer aus. Gras „verschenken“ ist allerdings nicht verboten 😉 .

schöne Spiegelung 🙂

Im Juni 2018 haben wir das Theater Solís nur von außen besichtigt und freuen uns jetzt auf die kostenlose Führung, die jeden Mittwoch durch das zweitgrößte Theater Südamerikas angeboten wird. Der Andrang ist groß. Der Anteil englischsprachiger Besucher gering. Wir genießen den Rundgang in der kleinen Gruppe.

Der große Theatersaal fasst 1500 Besucher. Die Logen direkt an der Bühne waren früher die teuersten. Nichts sehen aber gesehen werden  🙂 !

Der gläserne Präsidentenpalast steht direkt am „Plaza de la Independencia“ mit dem Reiterdenkmal und dem darunterliegenden Mausoleum des Volkshelden José Artigas. Er war ein uruguayischer Freiheitskämpfer und wird als „Vater der Unabhängigkeit“ bezeichnet. Der Palacio Salvo, von dem italienischen Architekten Mario Palanti entworfen und 1925 fertiggestellt, war mit seinen 95 Metern und 27 Stockwerken lange Zeit das höchste Gebäude Südamerikas. In Buenos Aires steht das fast identische „Zwillingsgebäude“, der Palacio Barolo. Spaziert man direkt hinter dem Plaza de la Independencia durch den ehemaligen Eingang zur Festung  (Puerta de la Ciudadela), kommt man in das historische Stadtzentrum Ciudad Vieja.

Präsidentenpalast+Theater

José Artigas+Palacio Salvo

Puerta de la Ciudadela

Das sich der Tango in Buenos Aires entwickelt hat, ist für die Bewohner Montevideos eine Legende. In Wahrheit soll es hier geschehen sein, in der Altstadt von Montevideo. Ein andauernder Streit zwischen Montevideo und Buenos Aires. Wir halten uns da mal schön raus! Am Plaza Fabini, mit dem Monumento El Entrevero, treffen sich an jedem Wochenende all die, die gerne Tango tanzen und die, die keinen haben der mit ihnen tanzt. Hier bin ich genau richtig. Walter hat Arthrose im Knie und kann nicht tanzen 😉 Nachdem ich die Tanzbegeisterten eine Weile beobachtet habe, entschließe ich mich doch einfach nur zuzuschauen 😉 !

La Cumparsita, „der Tango aller Tangos“, ist das Meisterwerk des Uruguayischen Komponisten Gerardo Matos Rodríguez.

Noch ein Bierchen mit Rena und Gucky auf dem Plaza Fabini und dann ein Stück entlang der Rambla, der 22 km langen Uferstraße, zurück  zur Marina.

Der Yachtclub Buceo ist vor Südwind nicht geschützt. Ein Tag vor unserer geplanten Weiterfahrt bläst es heftig, genau aus Südrichtung und verursacht einen unangenehmen Schwell im Muringfeld.

Mit 4 Bft aus SO starten wir am nächsten Tag zu der 82 sm entfernten Marina Puerto Sauce in Juan Lacaze.

Weiter südwärts bis La Paloma/Uruguay

La Paloma/Uruguay 7749 sm von Stavoren
28.11. – 20.12.2018

Itajaí – Stadt der Wasserschweine
28.11. – 5.12.2018

Mit umgerechnet 50 Euro/Tag gehört die Marina Itajaí nicht unbedingt zu den Marinas, in denen wir ohne Not einen Stopp einlegen. Mehrere Tüten voll mit Schmutzwäsche, zu mühselig um alles auf der Hand zu waschen, lassen die Not groß genug sein, um sich mal eine Woche etwas Bequemlichkeit zu gönnen. Waschmaschine und Trockner sind kostenlos und werden von uns rund um die Uhr beschlagnahmt. Wasser ist auch im Preis inbegriffen und macht eine intensive Bootsreinigung bequem und einfach. An dem Segelbootsteg liegen überwiegend brasilianische Dauerlieger. Alle, einschließlich dem Personal der Marina, sind nett und hilfsbereit.
Itajaí gehört zu dem kleinen Bundesstaat Santa Catarina, dem etwas anderen Brasilien. In der lebendigen bunten Stadt Salvador, mit ihren auffallend vielen herzlichen Bahianern und den musikalischen Rhythmen, fielen wir zwischen der überwiegend schwarzen Bevölkerung als Touristen auf. Die Atmosphäre in Itajaí lässt europäisches Feeling aufkommen und man wird auch schon mal nach dem Weg gefragt. Das Restaurant gegenüber der Marina, in dem wir abends eine Pizza essen, könnte genauso gut mitten auf den Ringen in Köln sein. Einige Straßennamen klingen alles andere als brasilianisch.

Mitte des 18. Jahrhunderts kamen die Portugiesen von den Azoreninseln um sich an der Küste niederzulassen. Ab dem 19. Jahrhundert ging es dann mit der Einwanderungswelle so richtig los. Deutsche, Italiener, Polen, Ukrainer, Norweger und andere kämpften im Landesinneren gegen die wilde Natur an, um ihren Lebensunterhalt mit Landwirtschaft zu bestreiten. Den Unternehmungsgeist, den sie entwickelten war enorm. Die Asiaten und Araber wollten auch nicht außen vor bleiben und machten sich im 20.Jahrhundert auf den Weg, um ihre Träume und Hoffnungen in Santa Catarina zu verwirklichen. Diese bunte Vielfalt an ethnischer Zusammensetzung hat Santa Catarina zu einem Bundesstaat gemacht, der sich von allen übrigen Bundesstaaten abhebt. Die vom Apotheker Blumenau gegründete gleichnamige Stadt mit Fachwerkhäusern, wo man im „Abendbrothaus“ Schweinshaxe mit Sauerkraut und andere deftige deutsche Leckereien essen kann, hat mit dem“ typischen Brasilien“ überhaupt nichts mehr gemeinsam. Hier werden jedes Jahr die brasilianischen „Wiesn“ eröffnet und versucht nach Münchener Tradition das Oktoberfest zu feiern. Der frühere Präsident Michel Temer hat Blumenau sogar per Dekret zur “Capital Nacional da Cerveja“, Brasiliens Bierhauptstadt ausgerufen. Unser Stegnachbar ist aus Blumenau. Es bleibt uns zu wenig Zeit um die Stadt zu besuchen.

Ausbaggern des Flusses (Schiff aus NL)

Blick aus der Marina auf den Itajaí

Blick aus der Marina auf den Gleitschirmberg

Hubschrauber der IBAMA-Umweltbehörde

Itajaí mit seinen ca. 170.000 Einwohnern gefällt uns. Die Hochhäuser, auf die wir von unserem Steg aus blicken, verlieren bei näherem Betrachten ihren Schrecken. Die meisten sind gepflegt und haben eine architektonisch interessante Bauweise. Von der Marina nicht weit entfernt ist ein großer Fischmarkt mit kleinen Restaurants und Läden die Kunsthandwerk, Früchte und Gemüse anbieten. Die Kirche Santíssimo Sacramento wurde von dem deutschen Architekten Simao Gramlich entworfen und 1955 fertiggestellt. Im Kirchturm bimmeln aus Europa importierte Glocken.

Mit Lichterketten

umwickelte Palmen

Beleuchtung Hauptstraße

Schön ist der Spaziergang zum Breakwater an der Einfahrtsbucht des Hafens. Von dem gut 500 m hohen Berg starten Gleitschirmflieger und der angrenzende Strand Atalaia ist bei Surfern sehr beliebt.

Mit einer Flutwelle wurden einst Wasserschweine (Capybaras), den Fluss Itajaí hinuntergespült. Hier fühlen sie sich seither schweinewohl und klettern regelmäßig aus dem Itajaí, spazieren durch die Marina und gehen ihrer Lieblingsbeschäftigung nach. Die größten Nagetiere der Welt  weiden mit ihren breiten Nagezähne große Grasflächen ab. Capybara bedeutet „Herr des Grases“ in der Sprache der Huaorani, einem Indiostamm aus dem Amazonasgebiet. Sowie die Meerschweinchen (gleiche Familie), sind sie Anhänger der sogenannten Koprophagie. Sie fressen ihren eigenen Kot, schön weich und klebrig muss er sein, um die zähe vegetarische Nahrung zu verdauen. Am Schluss bleiben schön geformte ovale und trockene Köttelchen zurück. In der Marina begeben sich die Capybaras auf die kleine Grasinsel zwischen der Ein- und Ausfahrtsschranke und lassen sich durch nichts stören. Wird es ihnen hier zu bunt, spazieren sie zum Mampfen hinaus in die Stadt, zum Grünstreifen entlang der Hauptstraße. Wenn der hinter ihnen herlaufende kläffende Hund sich auch nicht durch heftiges Anfauchen aus dem Staub macht, schlägt sich das ein oder andere Schwein durch die Büsche und flüchtet ins Wasser. Alleine dieses sich immer wieder zu beobachtende Schweinetheater sind die 50 Euro/Tag wert.

Am 10.12. läuft unsere Zeit in Brasilien ab. Der letzte brasilianische Hafen, kurz vor der Grenze zu Uruguay, ist Rio Grande. Die Stadt liegt an der Mündung der Lagune dos Patos, die mit dem Atlantik verbunden ist. Bei Starkwind baut sich vor der Einfahrt eine heftige See auf, die ein Hineinfahren in die Lagune unmöglich macht. Doof, wenn man vorbeifahren muss und aus Brasilien noch nicht ausklariert hat. Deshalb erledigen wir den ganzen Papierkram vorzeitig am 4.12. in Itajaí. Die Polícia Federal, Receita Federal und die Capitania dos Portos, in der Reihenfolge abzuarbeiten, liegen dicht beieinander. Könnte man alles an einem Tag erledigen, wenn man dann bei der richtigen Policía Federal sitzt. Tun wir aber nicht. Das Mädel im Marina Büro schickt uns zu der falschen, der nette junge Mann dort, der es eigentlich wissen müsste, schickt uns wieder zu der falschen. Hier sitzen wir zwei Stunden, da die einzige, völlig überlastete, ein wenig englischsprechende Mitarbeiterin, die den unglaublichen Andrang kaum bewältigt bekommt, beim Vortragen unseres Anliegens nicht richtig zuhört. Wir schaffen es noch so gerade vor Toresschluss bis zur richtigen Policía Federal zu kommen, wo alle Formalitäten in einer halben Stunde erledigt sind. Ob wir bei schlechtem Wetter Rio Grande anlaufen dürfen, obwohl wir schon ausklariert sind fragen wir den jungen Mann. Kein Problem! Die Receita Federal auf der anderen Flussseite schaffen wir heute nicht mehr.

Am kommenden Tag sitzen wir um 8 Uhr vor dem Büro der Receita. Hier brauchen wir nur einen Stempel auf zwei Formularen. Der Vorgang scheint jedoch so kompliziert zu sein, dass er zur Chefsache erklärt wurde. Problem ist, dass der Chef noch nicht da ist. Aus „er müsste so gegen 9 Uhr kommen“ wird „er hat einen Termin und kommt um 11 Uhr“. Unfassbar! Das würde bedeuten, dass wir die Capitania nicht mehr schaffen, da sie heute Nachmittag geschlossen hat und wir unsere für heute geplante Abfahrt auf morgen verschieben müssten. Wir machen so lange Rabatz, bis ein Mitarbeiter den Chef anruft und er zusagt um 10 Uhr hier zu sein. Ist er dann auch. Er sieht wie gerade dem Bett entstiegen, unrasiert und verkatert aus und nicht nach einem absolvierten wichtigen Geschäftstermin. Freundlich bittet er uns in sein Büro und setzt ohne viele Rückfragen die Stempel auf die Formulare. Die Capitania schaffen wir dann auch noch. Nachmittags motoren wir hinaus in den Fluss. Ziel ist die 17 sm entfernte Ankerbucht Caixa d‘ Aco, die in unmittelbarer Nähe von dem Städtchen Porto Belo liegt. Im Fluss drehen wir nochmal um und lassen den 272 m langen und 40 m breiten Frachter Monte Pascoal, der aus dem Hafen Iterjaí kommt, vorbei.

Caixo d‘ Aco/Porto Belo – die Piratenbucht
5.12. – 9.12.2018
Die Bucht bietet bei kräftigem Südwind guten Schutz und hat eine Floatingbar, die bereits seit Jahren von Eric, der auch Segler ist, betrieben wird. Gute Gründe hier vor Anker zu gehen. Außer ein paar Häusern, einen kleinen Supermarkt und ein Restaurant hat der kleine Ort nicht viel zu bieten.

Von zwei schwimmenden Bars haben wir nichts gelesen. In der vorderen ist tote Hose, in der hinteren haben ein paar Jetskis angelegt. Da paddeln wir mit unserem Schlauchboot vor Sonnenuntergang hin. Die Bar gehört Edgar, Eric gehört die erste Bar. Er ist nur am Wochenende da.
Einmal am Tag wird die Bucht von Piraten heimgesucht. Außer, dass eine Horde von gröhlenden Menschen mit Rettungswesten und manchmal mit Schwimmnudeln ausgestattet über eine Rutsche ins Wasser befördert werden, läuft die ganze Aktion friedlich ab. Nach einer halben Stunde sind sie meistens wieder verschwunden.

Zu einem Bootsausstatter im 5 km entfernten Ort Porto Belo lassen wir uns mit dem Taxi  fahren. Wir brauchen einen neuen Grobfilter für unseren Watermaker. Nicht zu bekommen! Wir spazieren durch den wenig attraktiven Ort, anfangs am Strand entlang, zurück in unsere Ankerbucht.

Schön sind die Buchten von Porto Belo, mit den vorgelagerten Felsen.

Wieder zurück auf der Aloma, kommt Eric mit seinem Schlauchboot vorbei um hallo zu sagen, hofft uns am Wochenende auf seiner Floatingbar zu sehen und gibt uns seinen Wificode. Wir wollen Freitag weiter nach Rio Grande, dem letzten brasilianischen Hafen. Dann kommt mit dem Wetter doch alles anders und wir bleiben bis Sonntag und erleben das sich jeden Samstag und Sonntag wiederholende Spektakel. Ab Samstagmittag fängt sich die bis dahin ruhige Ankerbucht langsam an mit Motorbooten zu füllen. Alle wollen möglichst nah an die Floatingbars heran. Die dicksten Kähne drängen sich besonders forsch in das immer dichter werdende Ankerfeld. Manövrieren können sie alle, ankern können nur die wenigsten. Die meisten Yachten sind mit dicken, in die Bucht gerichteten Lautsprechern ausgestattet, um sich gegenseitig zu übertönen. Welche „Musik“ setzt sich durch. Alkohol wird auf allen Booten reichlich getrunken und mit Jetskis zwischen dem Ankerfeld hindurchgeprescht. Es spitzt sich immer weiter zu. Teilweise legen sich die Boote aus Platzmangel längsseits an andere Boote ran. Ein großes Motorboot mit Idioten an Bord, „Relax“ der Bootsname ist Programm, rücken uns so dicht auf die Pelle, dass bei Winddrehungen ein Zusammenstoß nicht zu vermeiden ist. Die drei hinten angehängten Jetskis verklemmen sich immer wieder zwischen unseren Booten. Unsere Bitte sich etwas weiter wegzulegen, Platz ist da, wird hämisch lachend ignoriert. Das Problem ist, dass wir aufgrund des zunehmenden Gewusels hier auch nicht mehr weg können. Walter versucht mit unserem dicksten Kugelfender das Schlimmste zu verhindern. Von einem vorbeischippernden Eisverkäufer kaufen wir ein Eis und versuchen zu entspannen. Nachdem der doofe Skipper von der Relax gemerkt hat, dass wir uns nicht vertreiben lassen, verlegt er endlich. Geht doch 😉 !

Kurz vor Sonnenuntergang sind die meisten Boote wieder weg. Wir können endlich das Boot verlassen, noch etwas einkaufen gehen und uns einen Sundowner in Erics Floatingbar genehmigen. Früher gab es nur eine Floatingbar, so wie uns Eric erzählt. Die hat er gemeinsam mit seinem damaligen Partner Edgar betrieben. Sie haben sich, aus welchen Gründen auch immer, getrennt und Edgar hat seine eigene Bar nebenan eröffnet. Wir trinken zwei Bier und teilen uns, als Hauptspeise deklariert, einmal Krabben in Knoblauch und Öl (Vorspeisenportion). Der Preis für alles ist unverschämt hoch und völlig unangemessen. Es ist hier nicht mehr so wie in alten Blogs geschildert. Edgar nebenan hat jeden Tag geöffnet und ist deutlich preiswerter.

Gut abgefüllte Crew-Eric vorne in der Mitte

Früher aufwendige Verewigung der Segelboote

Am kommenden Tag gehen wir mittags Anker auf, müssen noch ein dünnes Tau und eine Angelschnur aus der Ankerkette schneiden und setzen, nachdem wir aus der Bucht hinausmotort sind, das Groß und die Genua 1 bei 3 Bft aus NNO.

Überfahrt nach Rio Grande und ein Todesfall – 431 sm – 77 h
9.12. – 12.12.2018
Der Wind nimmt gegen Abend auf 5 Bft zu und bei später durchgängigen 6 Bft rollen wir die Genua 1 für die Nacht vorsorglich ins zweite Reff und bergen das Groß. Gegen morgen erreicht der Wind 7 Bft und wir reffen die Genua 1 noch weiter ein und wechseln später auf die kleinere Genua 3.

Am zweiten Abend bekommen wir Besuch. Kein Seevogel, es könnte ein Vögelchen aus der Familie der Sperlinge oder Finken sein. Erschöpft und frierend sitzt es auf dem Relingsdraht und sucht vergeblich Windschutz zwischen zwei am Heck angebrachten Fendern. In seiner Not überwindet es alle Scheu und kuschelt sich in die Cockpitecke, links neben dem Niedergang. Dort bleibt es die ganze Nacht sitzen und wir leuchten immer wieder mit einer Rotlichtlampe das Cockpit ab bevor wir hinausgehen, um das Vögelchen nicht zu zertreten. Während meiner Morgenwache hüpft es nochmal kurz hin und her, stolpert über meine Füße und beschließt dann zu sterben. Ich möchte es nicht so einfach über Bord werfen, wickle es in eine Seglerserviette (Haushaltsrolle 😉 ) und übergebe es gemeinsam mit Walter würdevoll dem Atlantik.
In der vergangenen Nacht  gibt es außer einem erschöpften Vogel noch ein Frachtererlebnis der besonderen Art. Der noch einige Seemeilen entfernte 188 m lange Frachter „TS  Flower“ wird laut AIS ohne Kursänderung gefährlich nah an uns vorbeischippern. Trotz mehrmaliger Anrufe über VHF gibt es für den Wachhabenden auf der Brücke keinen Anlass den Kurs zu ändern. Ist doch Platz genug! Kein schönes Gefühl, wenn man in der Nacht bei 6 Bft und nur eingeschränkt manövrierfähig, von so einem Verrückten mit einem Abstand von weniger als 250 m passiert wird. Walter kann es sich nicht verkneifen, ihn nochmal anzufunken, um zu fragen, ob das für ihn sicheres Passieren ist. Antwort ist nur ein unverständliches Gemurmel.
Nachdem wir am kommenden Tag zwischen der Genua 1, Motor und unserer Passatbesegelung (Genua 1 steuerbord und Genua 3 ausgebaumt backbord) wechseln, ist an unserem letzten Tag Mr. Yanmar überwiegend im Einsatz. Als ein zweistündiges Gewitter mit bis zu 7 Bft über uns hinwegzieht, sind wir froh kein Segel oben zu haben.
Nachmittags stehen wir vor der Einfahrt zur Lagune dos Patos und fahren bei ruhiger See problemlos hinein. Glück muss man haben 🙂 . Zwei Stunden später liegen wir am Museumssteiger des „Museu Oceanográfico“.

Rio Grande – am Museumssteiger
12.12. – 18.12.2018
Am Museumssteiger des „Museu Oceanográfico“ liegen bereits aus Brasilien ausklarierte Segler anscheinend sicher vor behördlichen Zugriffen, vorausgesetzt der Aufenthalt wird nicht unnötig in die Länge gezogen. Keiner fragt nach Papieren oder wo man herkommt. Die Capitania dos Portos fährt mit ihrem Boot vorbei und man hat das Gefühl, dass sie absichtlich wegschaut. Wahrscheinlich haben sie keine Lust, unnötigen Papierkram zu produzieren. Das Liegen ist hier kostenlos, eine Spende für das Museum willkommen.

Das Schiff der Universität von Rio Grande

ist wieder von der Ausfahrt zurück

Gucky und Rena kommen wenige Tage später von Ilha Bela nach Rio Grande mit einem perfekt gekühlten Motor. Der Monteur hat super Arbeit geleistet 🙂 !

Die Anlage rund um das Museum ist eine liebevoll gestaltete kleine grüne Oase. Neben einer sehr schönen und informativen Ausstellung über das Ökosystem der Meere, kümmern sich viele Mitarbeiter um kranke Tiere und machen sie wieder fit für eine Freiheit im Atlantik.

Einige fühlen sich allerdings hier so wohl, dass sie immer wieder zurückgekehrt sind und um Aufnahme gebettelt haben. Wie der dicke Seelöwe, der bereits seit mehr als 25 Jahren seine Runden in einem Außenbecken dreht und sich täglich mit 15 kg Fisch füttern lässt. Ganz schön bequem der Dicke 😉 !

Ob der kleine, etwas traurig dreinblickende Pinguin, der in dem großen Becken nebenan umherschwimmt, auch so ein Bequemer ist, weiß ich nicht. Ein Eisvogel sitzt jeden Tag auf der Mauer und wartet wahrscheinlich darauf, dass etwas Essbares für ihn abfällt.

Es macht Spaß die vielen Vögel rund um den Museumssteiger zu beobachten. Reiher spekulieren darauf, den im Wasser nach Fischen jagenden Kormoranen ihre Beute zu stibitzen oder sitzen auf dem Holzgelände und genießen die Sonne.

Die Sonnenuntergänge in der Lagune, gehören zu den spektakulärsten, die wir auf unserer bisherigen Reise erlebt haben.

Überfahrt nach La Paloma/Uruguay nicht schön – 218 sm – 42 h
18.12. – 20.12.2018
Es ist ein Wetterfenster für unsere letzte längere Etappe nach La Paloma/Uruguay da. Vorbei an der Hafenfront von Rio Grande, winken wir der Nadir am Tanksteiger zu. Wir sehen uns dann wieder in La Paloma 🙂 .

Kurz vor der Ausfahrt werden wir von einem Lotsen aufgefordert nach Backbord auszuweichen, um einen Frachter vorbeizulassen. Hinter dem Breakwater ist die See unangenehm steil.

Der Ausfall des Autopiloten gleich am frühen Morgen der ersten Nacht macht die Überfahrt nicht zu einer der schönsten. Walter geht von einem Kontaktproblem aus, zieht alle Verbindungen ab und sprüht sie mit Wetprotect ein. Kurze Zeit später erneut Ausfall. Der Einbau des Reserve-Autopiloten funktioniert auch nur für eine kurze Weile und es wird wieder DRV-Error angezeigt. Positiv ist, dass es nicht am Autopiloten liegen kann. Es ist nicht möglich, das Problem auf der Überfahrt zu lösen  und wird auf La Paloma verschoben. Die restliche Zeit wechseln wir uns alle 1.5 – 2,0 Stunden mit Handsteuerung ab. Da der Wind so ziemlich von hinten kommt, ist es nicht unbedingt bequem und verdammt kalt dazu. In Fleece und Ölzeug kommen Nordseegefühle auf. Mittags schläft der Wind ein und wir sind diesmal nicht wirklich unglücklich motoren zu müssen. Es ist deutlich entspannter.
Kurz vor Sonnenaufgang nimmt uns in der Marina La Paloma ein Marinero  am Kopfende einer Betonmole in Empfang. Nachdem Walter dreimal in Gauchomarnier versucht hat die Muringtonne einzufangen, springe ich mutig in das nicht unbedingt warme Wasser, um den erfolglosen Bemühungen ein Ende zu machen. Gucky und Rena liegen bereits schlummernd in ihrer Nadir neben uns.