Tag 6 – 8 Chile – Ecuador

17. – 19.03.2020 27°27’S 80°09’W 23:40 UTC, 870 sm, bis zum Ziel 1737 sm Kurz nachdem der letzte Bericht hochgeladen ist, baut sich im Westen eine gigantische schwarze Wolkenwand auf. Der Wind bleibt konstant und auf dem Radar ist keine heranziehende Regenfront zu erkennen. Wir reduzieren trotzdem vorsichtshalber die Segelfläche und warten ab. Seit unseren Südatlantikerfahrungen sind wir schnell in Alarmbereitschaft. Es passiert nichts und wir rollen die Segel wieder aus. Es ist eben der stille Ozean. Durch die Nacht segeln wir immer noch mit unserer Passatbesegelung bei moderatem bis keinem Wind und erst am Morgen zum 17.3. nimmt der Wind auf 5-6 Bft zu und beschert uns flottes Segeln. Genua 1 ins 2. Reff – kurze Zeit später Genua 1 auf Genua 3-Größe runtergerefft – alles grau in grau – heftiger Regen – Genua 1 wieder ins 2. Reff. Die Genua 3 rollen wir schließlich ein. Mit der Genua 1 können wir höher am Wind segeln. Das Ein- und Ausreffspielchen hat erst gegen Abend ein Ende. Es klart auf und der Wind nimmt im Laufe der Nacht bis auf NULL ab. Wir sind in dem angekündigten Flautenloch. Es ist der 18.3., blauer Himmel, kein Wind und wir starten den Motor. Die lange bis zu 2 m hohe Pazifikdünung lässt uns heftig hin- und herschaukeln. Sanft war gestern.
Vor unserem Europaaufenthalt haben wir den Wassermacher (macht aus Salzwasser Süßwasser) konserviert und kurz vor Verlassen Valdivias die Filter entlüftet. In dem mit Sedimenten durchsetzten Wasser des Río Valdivia wollten wir keinen Testlauf machen. Heute ist es soweit! Gegen Mittag nehmen wir den Wassermacher in Betrieb. Nachdem die Konservierung herausgespült ist, wird der Druck langsam erhöht. Der erste Wasserablauf erfolgt immer erstmal durch den Hahn ins Waschbecken. Erst nachdem die Wasserqualität getestet ist, wird das produzierte Wasser in einen 30 Liter Tank geleitet. Ist dieser voll, läuft das Wasser über in den Haupttank. Nach Einstellung des Drucks auf 55 bar erhöht sich plötzlich die Wassermenge am Hahn schlagartig. Salzwasserdurchschlag! Knapp 60 Liter Trinkwasser haben wir in Flaschen an Bord und noch ca. 350 Liter Wasser im Tank. Die Wasser-Einschränkungsszenarien werden durchgespielt und der Stimmungspegel sinkt. Der Bordingenieur bleibt cool und grenzt die möglichen Ursachen ein. Der Stopfen, der das süßwasserführende Innenrohr einseitig verschließt, ist gebrochen, der O-Ring, der das Innenrohr auf der anderen Seite abdichtet ist gerissen oder die Membran ist durchgeschlagen (eher unwahrscheinlich). Es nützt alles nichts, das Teil muss ausgebaut werden und das ist nicht mal so eben gemacht. Der ca. 20 kg schwere Patient wird auf die mit Handtüchern abgedeckte Cockpitbank gehievt, festgebunden und die Operation beginnt. Diagnose: Beim Öffnen des Membrangehäuses, fällt sofort die eine Hälfe des durchgerissenen Abschlussstopfens auf. Die andere Hälfte sitzt noch im Innenrohr der Membran. Sie wird mit einer Zugankerstange des Membrangehäuses herausgeschoben. Ein klassischer Fall von Ermüdungsbruch. In einer Ecke der O-Ringnut ist ein Riss entstanden, gewachsen und dann hat’s den Stopfen zerrissen. Ob die agressive Konservierungsflüssigkeit dazu beigetragen hat? Zum Glück ist noch ein gebrauchter Stopfen von der Vorgängermembran an Bord. Bei der Gelegenheit wird auch noch die gerissene Gummiflügelklappe der MCU (Turbine) durch ein Stück Fahrradschlauch ersetzt. Die ganze Aktion, inclusive Wiedereineinbau, hat acht Stunden gedauert. Die Funktion wird morgen getestet.
Bei 1-2 Bft motoren wir durch die Nacht, in der sich unbemerkt der „Tanz der Kalamare“ abgespielt hat. Das Vordeck sieht am nächsten Morgen aus wie nach einem Blutgemetzel. Dutzende von den kleinen Leckerbissen haben nichts besseres zu tun gehabt, als ihren Farbstoff auf dem gesamten Vordeck zu verteilen. Ein totes Tierchen befördert Walter in den Pazifik, ein weiteres liegt mit abgerissenem Kopf auf dem Niederholer. Die Sauerei lässt sich trotz kräftigstem Schrubben mit einem Allzweckreiniger nicht entfernen.
Nach einem Frühstück mit Toast und Rührei wird der Wassermacher erfolgreich in Betrieb genommen und 30 Liter Wasser produziert! Im Laufe des Tages können wir bei 4 Bft die Genua 1 und das Großsegel setzen. Die Temperatur ist inzwischen auf 21 Grad geklettert, der Himmel ist blau und entlang des Horizonts ziehen sich schneeweiße Wolkenbänder. Wir sitzen im Cockpit und schauen auf den weiten Pazifik, auf dem außer uns kein weiteres Schiff sichtbar ist. In solchen Momenten sind die Strapazen, die einem beim Segeln nicht immer Freude machen, vergessen.
Tierische Begegnungen: Hin und wieder mal eine einsame Möve!
Auf dem AIS gesichtete Schiffe: Frachter LYRA LEADER 199×32 m geht 4 sm vor uns durch, Ziel Japan, Tanker DON GONZALO1 80×17 m, Ziel sind die Osterinseln, Frachter FORESTAL REINA 200×32 m, Ziel Chile