Tag 21 + 22 Chile – Mexiko

01. – 02.04.2021 1°16’S 88°44’W, 22:44 UTC, 2586 sm, bis zum Ziel 1287 sm
Gestern bin ich endlich in 2021 angekommen. Wenn wieder Internet verfügbar ist, werde ich die Jahreszahl in den alten Berichten abändern.
Wer denkt, dass Walter die Boobies erfolgreich verscheucht hat, irrt gewaltig. Brownie, so nennen wir mal den kleineren der beiden, den mit dem braunen Gefieder, umkreist vorgestern, kurz vor Sonnenuntergang, wieder die ALOMA. Er ist auf der Suche nach einem netten Schlafplätzchen. Schwimmend auf dem Pazifik zu nächtigen, ist ihm anscheinend zu unbequem. Was für ein Seevogel! Er platziert sich am Ende des Baumes auf das aufgetuchte Großsegel und kackt erstmal kräftig. Die weiße Kloake läuft auf das Biminidach. Walter muss ihn mehrmals am Schwanz zupfen, bevor er sich bequemt wegzufliegen. Brownie ist zäh und die ALOMA wird aufs Neue umkreist. Als nächstes wird das Ende des Ausbaumers der Genua 3 als nächtlicher Sitzplatz getestet. Dort kann er gerne bleiben, seine Exkremente fallen in den Pazifik. Mit seinen Schwimmfüßen findet er jedoch keinen Halt auf dem runden glatten Baum, rutscht nach hinten ab und fällt rückwärts ins Wasser. Das sieht zu ulkig aus. Nachdem Brownie sich wieder berappelt hat, nimmt er seinen Rundflug wieder auf und landet auf der Solarzelle. Bei soviel Anstrengung und Hartnäckigkeit wollen wir ihn nicht schon wieder vertreiben und gewähren ihm Nachtquartier. Morgen ist dann eben wieder mühseliges Putzen angesagt. Im Dunklen produziert die Zelle sowieso keinen Strom. Brownie gefällt es so gut auf der ALOMA, dass er auch am nächsten Tag keine Anstalten macht seinen Platz auf der Solarzelle zu verlassen. Ich kann mich nicht erinnern, dass er eine Fahrkarte bis zu den Galapagosinseln gebucht hat. Walter stupst ihn mit dem Bootshaken an, Brownie fliegt weg, kommt wieder und kackt direkt, ein Stupser mit dem Bootshaken, Brownie fliegt weg, kommt wieder und kackt direkt. Nachdem sich das Spielchen einige Male wiederholt hat, gibt er beleidigt auf und wart nie mehr gesehen.
Von 4° Süd bis 7° Nord soll sich laut Wettervorhersage ein Flautengebiet erstrecken. Davon merken wir noch nichts. Bei 8 bis 12 Knoten Wind segeln wir immer mit 4 kn und mehr durch die Nacht und den heutigen Vormittag. Erst bei unter 2° Süd nimmt der Wind auf 5 kn und weniger ab. Wir lassen den Motor bei 1400 1/min zur Besegelung mitlaufen. Nach der neuesten Vorhersage soll sich das Flautengebiet nun bis 12° Nord ausdehnen. Wettermann Til, das hört sich nicht gut an.
Wenig Wind und eine sanfte Dünung sind die besten Voraussetzungen für eine Kontrolle des Unterwasserschiffs. Bei 25° Wassertemperatur braucht Walter sich nicht in seinen Neopren zu zwängen. Nach Entfernen einer dicken Verkrustung um den Wassereinlass für den Wassermacher und mehrmaligem Rumstochern im Einlass, hoffen wir nun, dass das Problem gelöst ist. Getestet wird morgen.
Vor langer Zeit, als unser Sohn Stefan noch mit uns gesegelt ist, habe ich mich häufig als Vorleserin betätigt und so längere Überfahrten verkürzt. Damals waren es die Samsbücher, die Abenteuer von Pipi Langstrumpf und viele andere. Auch wir hatten Spaß an den lustigen Geschichten. Heute habe ich Walter Geschichten alter Kapitäne vorgelesen. Abenteuerliche Geschichten von Seemännern, die auf ihren Frachtern noch ein Gefühl von Eigenständigkeit und Freiheit auf See hatten. Kamaradschaft an Bord auch in stürmischen Zeiten noch funktionierte. Das alles hatte ein Ende, als das Zeitalter der Containerschifffahrt und Ausflaggung begann und deutsche Reeder das Bestreben hatten, ihre Schiffe noch kostengünstiger fahren zu lassen. Freiheit und Eigenständigkeit gab es nicht mehr. Früher hatte man als Kapitän 40 ausgebildetet Seemänner an Bord, auf die man sich verlassen konnte. Nun muss man sich mit 20 blutigen Anfängern von den Philippinen oder aus anderen Billiglohnländern durchkämpfen und hoffen, dass es zu keiner ernsten Krisensituation kommt. Das könnte von Regierungsseite unterbunden werden. Interessiert aber anscheinend keinen.
Wir haben den Wassermacher doch angeworfen. Er baut wieder Druck auf. Durch Drehen des Nadelventils bauen sich aber nach wie vor nur maximal 48 bar auf. Für die Wassertemperatur von 25° C sollten es auch nicht mehr sein. Unabhängig davon, sollte aber ein Druck von bis zu 60 bar möglich sein. In Acapulca müssen wir wieder einmal Herrn Jahn von der H2O Factory kontaktieren. Der Wassermacher macht von Anfang an Probleme. Wir scheinen ein Montagsmodell erwischt zu haben.